Der Klassiker: Störche gegen Rothosen

Die Duelle zwischen Holstein Kiel und dem Hamburger SV waren schon immer echte Klassiker. Hier scheitert HSV-Legende Uwe Seeler gegen KSV-Torwartdenkmal Henry Peper

Seit jeher elektrisiert das Duell Holstein Kiel gegen den Hamburger SV die Massen. Anfang des 20. Jahrhunderts bestimmte Kiel die Fußballszene in der Region, war 1912 sogar der erste Deutsche Meister des Nordens. In sportlicher Hinsicht wurde es dann in den goldenen Zwanzigern spannend, als sich starke Konkurrenz in Form der 1919 entstandenen Großfusion HSV formierte. Bis in die 50er Jahre dauerte das Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Hamburger SV an, 1963 trennten sich dann die Wege mit der Einführung der 1. Bundesliga, für die sich die Strukturen in Kiel als nicht tragfähig erwiesen. So durfte man mit Fug und Recht von einer echten Derby-Renaissance sprechen, als die Spielplangestalter nach dem Abstieg des Hamburger SV im Sommer 2018 das Spiel der Spiele zwischen dem HSV und Holstein für den Auftakt der Zweitliga-Saison 2018/19 terminierten. Nur eines von vielen denkwürdigen Spielen.

Über 100 Jahre Derbygeschichte
101 Jahre lang gibt es das Duell zwischen Holstein Kiel und dem Hamburger SV schon – mit HSV-Gründung im Sommer 1919 (Fusion aus Germania 1887 und Hamburger FC 1888) erwuchs den vor dem Ersten Weltkrieg im Norden dominierenden Störchen ein großer Konkurrent. Das erste Derby ging am 5. Oktober 1919 übrigens mit 4:1 an die KSV. In der Gesamtbilanz stehen 77 HSV-Siege, 25 Holstein-Erfolge und 20 Remis. 65 dieser 122 Partien waren Meisterschaftsspiele.

Kaltes Blut
Eisig zog am bitterkalten 14. Dezember 1952 der Wind über den altehrwürdigen Sportplatz am Hamburger Rothenbaum. Dennoch waren 20.000 Fans zum Spitzenspiel der erstklassigen Oberliga Nord zwischen den Rothosen und den Störchen gepilgert. Stolze 5000 Fans – bis zum August 2018 die größte Anzahl Kieler Schlachtenbummler bei einem Auswärtsspiel der KSV – waren aus der Landeshauptstadt angereist und sollten Historisches erleben. Gleich mit 5:0 kochte Holstein um Torwartdenkmal Henry Peper, den unvergessenen Hein Grunewald sowie den Doppeltorschützen Emil Maier den HSV im eigenen Stadion ab und sicherte sich souverän die Herbstmeisterschaft. KSV-Trainer Hans Tauchert hatte sofort eine Erklärung für das wahrscheinlich beste Holstein-Auswärtsspiel aller Zeiten parat: „Kaltes Blut!“ Am Ende der Saison 1952/53 lag dann aber doch der HSV vorn, auch wenn die Störche das Rückspiel vor 28.000 Zuschauern im Holstein-Stadion mit 3:1 ebenfalls für sich entscheiden konnten. Die KSV zog zusammen mit den Hamburgern in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ein. Zum letzten Mal in der Vereinsgeschichte.

20.278 Tage Wartezeit
20.278 Tage lang mussten die Fans seit 1963 auf ein Punktspiel zwischen Holstein und dem HSV warten. Die Einführung der 1. Bundesliga trennte beide Clubs für sage und schreibe 55 Jahre. Am 27. Januar 1963 trafen beide Mannschaften letztmals im Ligafußball aufeinander, 1:1 hieß es am Ende. Den Treffer für Holstein erzielte damals Fritz Boyens. Am 3. August 2018 strömten 57.000 Zuschauer in das Volksparkstadion, um das Spiel des Jahres mitzuerleben, rund 6.000 davon aus Kiel. Seit dem Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft 1961 zwischen Holstein Kiels Amateuren und dem FC Siegburg hatte die KSV eine derart große Kulisse nicht mehr erleben dürfen. Damals sahen 80.000 Zuschauer im Hannoveraner Niedersachsenstadion einen klaren 5:1-Erfolg der Kieler Zweitvertretung. Das Finale der Amateure wurde damals als Warm-up für das große Finale um die Deutsche Meisterschaft ausgetragen. Das Spiel der Rekorde zwischen dem HSV und Holstein, von den Spielplanmachern medienwirksam zum Eröffnungsspiel der Saison 2018/19 auserkoren, weckte lange im Vorfeld große Emotionen und war sicherlich die goldrichtige Wahl für die Saisonpremiere der 2. Bundesliga. Dass am Ende ein nie für möglich gehaltener 3:0-Erfolg der Störche stand, das sorgt noch heute für Verblüffung und weckt intensive Erinnerungen. Noch lange über das Saisonende hinaus. Den Treffern von Jonas Meffert (56.), David Kinsombi (78.) und Mathias Honsak (90. +3) hatte der HSV im zweiten Durchgang nichts mehr entgegen zu setzen. Die 6.000 mitgereisten Kieler Fans unter den 57.000 Zuschauern rieben sich restlos verwundert die Augen.

Titel und Triumphe
Seit sich die Wege von Holstein und dem HSV 1963 getrennt hatten, holten die Rothosen immerhin drei Deutsche Meistertitel, den Europapokal der Landesmeister sowie zwei DFB-Pokal-Erfolge. Im Gegensatz dazu nehmen sich die beiden Zweitliga-Aufstiege 1978 und 2017 sowie die Bundesliga-Aufstiegsrunde 1965 mit Kieler Beteiligung deutlich bescheidener aus. Doch spätestens seit dem fulminanten 3:0-Sieg in Hamburg Anfang August 2018 hat die Derbygeschichte aus Holstein-Sicht einen weiteren Farbtupfer zu bieten. Und was für einen! Heute tragen mit Alexander Mühling, Hauke Wahl, Jae Sung Lee, Johannes van den Bergh, Jan-
nik Dehm und Jonas Meffert immerhin noch sechs Spieler das Störche-Trikot, die damals beim Triumph im Volkspark auf dem Rasen standen. Beim HSV sind nur noch Rick van Drongelen und Jonas David mit von der Partie.

Ein Weihnachtsmärchen
Und auch im Rückspiel der Saison 2018/19 in Kiel machten die Störche bundesweit Schlagzeilen. Der HSV kam als Herbstmeister ins Holstein-Stadion, wollte seinen Vorsprung einen Tag vor dem Weihnachtsfest weiter ausbauen und landete unsanft auf dem Boden der Tatsachen. U21-Nationalspieler Janni Serra brachte die KSV vor 10.073 Fans nach nur sieben Minuten in Führung. Der herausragende David Kinsombi (18.) erhöhte wenig später auf 2:0. Die Gäste fanden kein Mittel gegen die Kieler Bemühungen, was an der Mimik und Gestik von Trainer Hannes Wolf abzulesen war. Den Anschlusstreffer von Bakery Jatta (48.) konterte Kinsombi (53.) mit seinem zweiten Treffer umgehend. Auch die Hereinnahme von HSV-Torjäger Pierre-Michel Lasogga verpuffte wirkungslos. Die drei Zähler waren das passende Weihnachtsgeschenk für das Kieler Publikum.

Zweimal Unentschieden
In der Saison 2018/19 gelang den Störchen gegen den Hamburger SV zwar kein weiterer Sieg, aber erneut blieb man gegen die Rothosen ungeschlagen. Und beide Male blieb es bis zur allerletzten Minute spannend. Am 9. November 2019 hatte Janni Serra die Störche kurz vor dem Halbzeitpfiff mit 1:0 in Führung gebracht und lange Zeit sah es so aus, als würde die Kieler Siegesserie gegen den HSV weiter anhalten. Doch in der Schlussminute folgte die kalte Dusche für die Störche: Timo Letschert nutzte die Abstimmungsschwierigkeiten in der Kieler Deckung und markierte den Ausgleich für den Favoriten.

Geister-Derby
Was man Fans, Spielern und Freunden beider Mannschaften niemals gönnen würde, das trat im Rückspiel am 8. Juni 2020 ein. Das Nordderby fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Erlebte das Volksparkstadion zwei Jahre zuvor noch ein echtes Gänsehaut-Duell, wirkte die Arena trotz sommerlicher Temperaturen eher wie ein Stimmungs-Kühlschrank. Dafür ging es auf dem grünen Rasen hoch her. Zum Abschluss des 30. Spieltages auf einen Montagabend verlegt, holte die KSV beim 3:3-Unentschieden einen wertvollen Punkt beim Hamburger SV. Ein dramatisches und teils gutklassiges Spiel mit einem 60 Minuten lang überzeugenden HSV, der sich dann von Kiel einschnüren ließ. Alexander Mühling (9.) brachte die Kieler früh in Führung, die Aaron Hunt (21.) und Joel Pohjanpalo (23.) per Doppelschlag drehten. Nach Emmanuel Iyohas Ausgleich (64.) brachte Pohjanpalo (67.) den HSV erneut in Front, ehe Jae Sung Lee in der vierten Minute der Nachspielzeit noch einen Punkt sicherte. „Ich habe ein turbulentes Spiel und ein absolutes Wechselbad der Gefühle erlebt“, meinte KSV-Coach Ole Werner nach seinem ersten Auftritt im Volksparkstadion. Und Kapitän Hauke Wahl meinte sogar: „Wir haben gezeigt, dass wir fußballerisch mit dem HSV mithalten können, da war sogar mehr für uns drin.“

Starke Bilanz
So dürfen die Kieler Störche heute vor dem Duell des 7. Spieltages gegen den HSV auf eine Bilanz von vier Zweitliga-Spielen ohne Niederlage zurückschauen. Nur zu gern würde Trainer Werner mit seiner Mannschaft diese tolle Serie weiter ausbauen. Doch gegen den Spitzenreiter hängen die Trauben diesmal sehr hoch. Mit 16 Zählern aus sechs Liga-Spielen ist Daniel Thioune mit den Rothosen in die Saison gestartet. So einen Auftakt legte der HSV im bezahlten Fußball selten hin. Besser waren die Hamburger bislang eigentlich nur in der Saison 1978/79 unter Trainer-Legende Branco Zebec, der damals mit dem HSV sieben Siege in Folge einfahren konnte.

Das 123. Derby
Das 123. Nordderby ist also erneut eines unter besonderen Vorzeichen: Statt mit 15.034 Zuschauern und großen Emotionen auf den Rängen des Holstein-Stadions wie in den Vorjahren treten beide Teams heute vor einer Geisterkulisse an. „Mit Zuschauern wäre es etwas ganz Anderes gewesen, ein absolutes Saison-Highlight. Von der Atmosphäre gehört das Duell normalerweise zu den Spielen, auf die man sich zu Anfang der Saison schon freut“, sagt Holstein-Trainer Ole Werner, betont aber: „Aufgrund der Konstellation in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga ist es natürlich immer noch ein ganz besonderes Spiel für uns.“

Der Klassiker: Störche gegen Rothosen“ ist die Titelstory des aktuellen Holstein Magazins, das sie hier oder in der KSV-App als digitale Version herunterladen können.

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