DFB-Pokal: Holstein schlägt Titelverteidiger FC Bayern

Ioannis Gelios (li.) und Fin Bartels bejubeln den finalen Treffer zum 8:7

Der KSV Holstein ist die Sensation gelungen: Die Störche siegten am Mittwochabend gegen den amtierenden Titelverteidiger FC Bayern München in der 2. Runde des DFB-Pokals mit 8:7 (1:1, 2:2) nach Elfmeterschießen. Im Kieler Holstein-Stadion konnten die Gastgeber zwei Rückstände ausgleichen und behielten dann im Elfmeterschießen die Nerven.

Im Vergleich zum 1:1-Unentschieden beim FC St. Pauli veränderte KSV-Coach Ole Werner seine Startelf auf  zwei Positionen: Für Fabian Reese und Janni Serra rückten Joshua Mees und Finn Porath in der Anfangsformation.

Der FC Bayern begann erwartet dominant und wurde seiner Favoritenrolle in der Anfangsphase gerecht. Die erste Torannäherung verbuchten die Gäste nach neun Minuten durch Joshua Kimmich, dessen Distanzschuss knapp am Tor vorbei strich. Kurz darauf lag der Ball dann im Kieler Netz: Thomas Müllers Kopfball-Ablage parierte KSV-Keeper Ioannis Gelios nach außen, wo Serge Gnabry aus kurzer Distanz abstaubte (14.). Der Torschütze stand im Abseits, das Gespann um Schiedsrichter Robert Hartmann übersah dies jedoch. Da in der 2. Runde des DFB-Pokals kein Video-Schiedsrichter eingesetzt wird, zählte der Treffer. Doch das Gegentor brachte die nach spielerischen Lösungen suchenden Kieler nicht aus dem Konzept – im Gegenteil: Sie schienen fortan mutiger, die nächsten Gelegenheiten hatte aber erneut der deutsche Rekordmeister: Gnabrys Schlenzer verfehlte nur knapp sein Ziel (26.) und Müller ließ eine Großchance liegen, als er den Ball per Volleyabnahme aus fünf Metern über die Querlatte drosch (35.). Stattdessen glichen die Kieler mit dem ersten echten Torschuss aus: Jannik Dehms langen Ball verfehlten Niklas Süle und Jae-Sung Lee, wodurch die Kugel bei Fin Bartels landete, der frei aufs FCB-Tor zuging und eiskalt vorbei an FCB-Torwart Manuel Neuer ins linke untere Eck vollendete (37.). Keine 60 Sekunden später lag der Ball erneut im Münchner Netz, doch Lees vermeintlicher Führungstreffer zählte wegen einer Abseitsstellung nicht. Weitere Chancen folgten fast im Minutentakt: Müllers Versuch aus der zweiten Reihe zischte knapp links vorbei (39.), Jamal Musialas Flachschuss landete in Gelios‘ Armen (40.) und auf der Gegenseite wurde Johannes van den Berghs Abschluss von Mitspieler Lee geblockt (41.).

Wahl rettet die KSV in die Verlängerung

Die zweite Hälfte begann denkbar schlecht für die Hausherren: Leroy Sané trat zum Freistoß an und traf unhaltbar für Gelios aus 20 Metern in den rechten Winkel (48.). Im direkten Gegenzug hätte Alexander Mühling fast den erneuten Ausgleich erzielt, verzog aus 14 Metern jedoch knapp (49.). Danach beruhigte sich die Partie ein wenig und die Möglichkeiten wurden hüben wie drüben weniger, auch weil die KSV wenig zuließ und defensiv weiterhin sicher stand. Es waren die Kieler, die durch Dehm die nächste Chance hatten, als dessen Freistoß von Neuer festgehalten wurde (62.). Gelios bewahrte seine Farben anschließend vor einem höheren Rückstand, als er Musialas Flachschuss noch an den linken Außenpfosten lenkte (66.). Doch auch die Störche blieben gefährlich: Mühlings Flanke verpasste Süle, doch Joshua Mees fiel der Ball so überraschend vor die Füße, dass er diesen nur mit dem Knie aufs Tor bringen konnte, wo Neuer sicher zupackte (69.). Pünktlich zur Schlussphase setzte starker Schneefall ein. Die Kieler waren weiter bemüht, zum Ausgleich zu kommen, konnten sich aber keine weiteren Gelegenheiten erarbeiten. Was folgte, war ein Last-Minute-Hammer: Van den Bergh brachte in den letzten Sekunden der Nachspielzeit noch eine Flanke in die Mitte, wo Hauke Wahl den Ball per Kopf ins lange Eck wuchtete (90.+5).

In der Verlängerung warfen die Störche weiterhin alles in die Waagschale, hielten mit Glück und Geschick das Ergebnis und hatten selbst noch Möglichkeiten: Der eingewechselte Fabian Reese verzog aus der zweiten Reihe knapp (97.), auf der anderen Seite lenkte Gelios einen Kimmich-Kopfball noch an die Oberkante der Latte (102.). Auch in der zweiten Hälfte der Verlängerung überragte der Kieler Keeper: Alphonso Davies scheiterte ebenso an Gelios (109.) wie Marc Roca (111.). Holstein überstand die Druckphase des amtierenden Triple-Siegers schadlos und rettete sich mit letzter Kraft ins Elfmeterschießen. Dort trafen die ersten fünf Schützen beider Teams ausnahmslos, bis Gelios den sechsten Münchner Elfmeter von Roca hielt. Anschließend trat Bartels an und versenkte sicher, sodass der folgende Jubel keine Grenzen mehr kannte. Zehn Jahre nach der letzten Pokalserie der Kieler meldete sich der Holstein-Geist zurück und bescherte den Störchen einen unvergesslichen Abend. Im Achtelfinale hat der aktuelle Dritte der zweiten Bundesliga nun am 2. oder 3. Februar Ligakonkurrent SV Darmstadt 98 zu Gast.

Statistik:

KSV: Gelios – Dehm, Wahl, Thesker (80. Komenda), van den Bergh – Mühling (84. Serra), Meffert (84. Arslan), Porath (77. Hauptmann) – Mees (77. Reese), Lee, Bartels. Trainer: Werner.

FC Bayern: Neuer – Sarr (85. Pavard), Süle, Hernandez, Davies – Kimmich, Tolisso (106. Alaba), Sané (74. Costa), Musiala (74. Lewandowski), Gnabry (90.+2 Roca) – Müller. Trainer: Flick.

Schiedsrichter: Schröder (Hannover) – Tore: 0:1 Gnabry (14.), 1:1 Bartels (37.), 1:2 Sané (48.), 2:2 Wahl (90.+5) – Elfmeterschießen: 2:3 Lewandowski, 3:3 Wahl, 3:4 Kimmich, 4:4 Arslan, 4:5 Müller, 5:5 Serra, 5:6 Alaba, 6:6 Lee, 6:7 Costa, 7:7 Hauptmann, Roca scheitert an Gelios, 8:7 Bartels – Zuschauer: keine.

Stimmen zum Spiel:

Ole Werner: „Das lange Wachbleiben hat sich gelohnt. Es ist ein außergewöhnliches Erlebnis für uns und für alle Kieler. Wir haben uns das verdient. Natürlich waren wir gefordert, in der Defensive einen guten Job zu machen. Den haben wir gemacht. Es ist klar, dass eine Mannschaft wie der FC Bayern zu Torchancen kommt. Aber wir sind bei unserem Plan geblieben. Wir haben bis zum Ende daran geglaubt. Das war heute der Schlüssel, dass wir uns von Beginn an zugetraut haben, mit dem entsprechenden Spielverlauf und der nötigen Effektivität auch gewinnen zu können. Im Elfmeterschießen ist es Glücksache, aber dass wir alle sechs Elfmeter verwandelt haben, spricht für die Klarheit der Jungs am heutigen Tage. Es ist ein Erlebnis, an das wir und alle, die dem Verein und der Stadt Kiel verbunden sind, noch lange denken werden.“

Hansi Flick, Trainer FC Bayern: „Ich kann der Mannschaft nichts vorwerfen, was die Motivation betrifft. Wir haben über 120 Minuten versucht, eine Runde weiterzukommen. Es sind die Kleinigkeiten, die zusammen gekommen sind. Kurz vor Schluss müssen wir die Flanke unterbinden und dann im Zentrum zu klären. Aber es geht weiter. Wir müssen viel arbeiten.“

Jannik Dehm: „Wir sind alle sprachlos, was wir heute als Mannschaft geleistet. Das ist unbeschreiblich.“

Jonas Meffert: „Ich kann es kaum glauben. Das ist etwas ganz Besonderes. Man hat mit der Zeit gemerkt, dass etwas möglich ist.“

Fin Bartels: „Es ist unfassbar. Nach dem 1:1 haben wir uns mehr getraut. Wir waren mutig und haben immer dran geglaubt.“

Ioannis Gelios: „Wir hatten nichts zu verlieren. Das hat man von Anfang an gemerkt. Ich habe mich beim letzten Elfmeter richtig entschieden und freue mich riesig.“

Interview mit “Man of the Match” Ioannis Gelios:

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