„Fast 10 Millionen waren für uns“

Früher gemeinsam beim KSC, heute gemeinsam bei der KSV – Jonas Meffert (li.) als Spieler, Dominic Peitz als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums

Dominic Peitz und Jonas Meffert liefen einst zusammen für den Karlsruher SC auf – vor dem Spiel am Sonntag um 13.30 Uhr gegen den KSC blickten sie auf ihre gemeinsame Zeit beim KSC zurück.

206 Zweitligaspiele hat Dominic Peitz während seiner Laufbahn bestritten, 165 auf Drittliga-Niveau und 15 im DFB-Pokal – damit war „Peitzer“, der auch für Paderborn, Werder II, Osnabrück, Union Berlin, FC Augsburg, Hansa Rostock und den Karlsruher SC auflief, stets der erfahrenste Akteur im Trikot der Kieler Störche. Der Vater zweier Töchter mit Bachelor-Abschluss im Fach Sportbusiness-Management und einem Faible für soziale Belange leitet seit Sommer 2020 das Nachwuchs-Leistungszentrum der KSV Holstein. Von 2014 an trug Peitz mit Jonas Meffert für zwei Spielzeiten gemeinsam das KSC-Trikot. Peitz wechselte 2016 zur KSV Holstein und Meffert zum SC Freiburg, von dem er 2018 zu den Störchen kam. Seitdem hat sich der Rechtsfuß zur festen Stütze im KSV-Kader entwickelt und kann mit seinen 26 Jahren bereits auf 126 Zweitliga-Einsätze zurückblicken. Vor dem heutigen Spiel blickten die beiden Sechser auf ihre gemeinsame Zeit in Karlsruhe zurück.

Ihr seid beide im defensiven Mittelfeld zuhause. Wie kam es dazu, dass es zu eurer Stammposition wurde?

Meffert: Ich habe schon in der Kindheit im Mittelfeld gespielt. In der Jugend hat sich die Position im defensiven Mittelfeld dann verfestigt.

Peitz: Ich war ein Kandidat, der von vorn nach hinten durchgereicht wurde. Früher konnte man mit meiner Körpergröße auch noch den Zehner spielen, aber prinzipiell wurde ich auch aufgrund fehlender Schnelligkeit nach hinten beordert und bin letztlich auf der Sechser-Position hängengeblieben.

Was macht aus eurer Sicht einen echten „Sechser“ aus?

Peitz: Als ich anfing, war Michael Ballack eine Koryphäe in Deutschland. Ich selber hatte eine gewisse Körpergröße und habe bei meinen Vorstößen einige Kopfballtore erzielt. Ein Sechser muss viel Spielverständnis besitzen und eine gewisse Zweikampfstärke mitbringen. Die Position hat sich aber kontinuierlich vom Zweikämpfer zum Strategen und technisch versierten Spieler weiterentwickelt.

Meffert: Es ist aus meiner Sicht schwierig einzugrenzen, was einen perfekten Sechser ausmacht, da jeder Spieler die Rolle anders interpretiert. Der eine kommt mehr über Zweikämpfe und Aggressivität, der andere überzeugt mit Passspiel und Übersicht. Generell kann man sagen, dass der Sechser ein sehr zentraler Spieler ist, dem eine wichtige Rolle im Spiel zukommt.

Und was gefällt euch persönlich an dieser Position?

Meffert: Man ist mittendrin im Geschehen und kann viel Einfluss auf das Spiel nehmen, sowohl defensiv als auch offensiv.

Peitz: Ich habe früh gemerkt, dass ich mich auf der Position wohlfühle. Es war nie ein Geheimnis, dass ich kein perfekter Spieler war. Aber wenn es enger wurde, konnte ich meine Stärken gegen den Ball und beim Abfangen von Bällen gut einbringen. Daher hat es in Karlsruhe mit Meffo so gut geklappt. Ich war eher der defensivere Part und er derjenige, der sich eher strategisch verhalten hat.

Ihr habt beide längere Zeit für den Karlsruher SC gespielt (Peitz vier Jahre, Meffert zweieinhalb). Wie habt ihr diese Zeit in Erinnerung?

Peitz: Nach wie vor denke ich sehr positiv über meine Zeit in Karlsruhe. Sportlich und persönlich lief es richtig gut. Ich habe dort meine langjährige Freundin Britta geheiratet und auch unsere erste Tochter wurde dort geboren. Mit dem KSC bin ich in die 2. Bundesliga aufgestiegen und wir haben nur knapp den Aufstieg in die 1. Bundesliga verpasst. Ich habe bei keinem anderen Verein so lange gespielt wie beim KSC.

Meffert: Es war eine richtig schöne Zeit, an die ich nur positive Erinnerungen habe. Die Fans, die Stadt, die Mannschaft – alles hat gepasst und mir sehr gut gefallen. Von daher war es schon komisch für mich, dort in der vergangenen Saison erstmals zu spielen, ich war fast ein wenig melancholisch. Dass das Stadion umgebaut wurde, hat es mir leichter gemacht, weil es dadurch etwas anders als früher war.

Jonas, du bist im Sommer 2014 als 19-Jähriger zum KSC gewechselt und hast dort zwei Saisons lang mit „Peitzer“ zusammengespielt. War er als erfahrener Spieler auf derselben Position eine Art Mentor?

Meffert: Ja, auf jeden Fall. Er hat mir immer Tipps gegeben und war sehr nett zu mir. Generell habe ich mich damals sehr wohl gefühlt, weil mich die älteren Spieler im Team extrem unterstützt haben. An Peitzer mochte ich, dass er vorangegangen und eine unheimliche Mentalität auf den Platz gebracht hat. Ich konnte mir Vieles bei ihm abschauen.

Dominic, wie war dein Eindruck von dem jungen Talent?

Peitz: Meffo kam aus Leverkusen und war noch ein ganz junger, zurückhaltender Bursche. Aber schon damals hatte er viel Ruhe am Ball. Da konnte selbst ich mir als alter Hase noch etwas abgucken. Und er war ein sehr lernwilliger Spieler. Das hat eine Menge Spaß gemacht mit ihm. Auch wenn wir die gleiche Position gespielt haben, war es eher ein Miteinander als eine Konkurrenzsituation. Ähnlich lief es später in Kiel mit David Kinsombi.

Ihr habt in eurer KSC-Zeit auch immer wieder als Doppel-Sechs auf dem Feld gestanden. Wie war das Zusammenspiel aus eurer Sicht? Wer hatte welche Aufgaben?

Meffert: Peitzer war für die Kopfbälle und Zweikämpfe zuständig (lacht). Er hat die Mannschaft geführt. Wenn er auf dem Platz stand, konnte man sich sicher sein, dass es nicht an Mentalität mangeln wird. Mein Spiel war es eher, anspielbar zu sein und die zweiten Bälle zu verteilen. Da Peitzer auch immer sehr viel gelaufen ist, brauchte ich keine Sorgen zu haben, nicht abgesichert zu werden. Das war ein sehr beruhigendes Gefühl.

Peitz: Ich habe die Truppe zusammengehalten und war gegen den Ball stark, um dann schnellstmöglichst die Kugel an Meffo weiterzuleiten, der mit seiner Ballsicherheit und Ruhe im Spielaufbau nach vorne marschieren konnte.

Dominic, welche Erinnerungen weckt der 15. Mai 2016 bei Dir?

Peitz: Beim Abschied vom Karlsruher SC gegen Arminia Bielefeld widmeten mir die Fans einen Banner mit der Aufschrift: „Kampf und Leidenschaft waren deine Eigenschaft!“ Alle hielten riesige Gelbe Karten in die Höhe in Anlehnung an mein robustes Spiel. Das war eines der emotionalsten Momente, den ich im Fußball erlebt habe. So ein Abschied von den Fans, das war einfach toll. Zumal ich damals gern in Karlsruhe geblieben wäre und der Abschied ziemlich unrund für mich verlief.

Und der 1. Juni 2015?

Peitz: Da habe ich noch immer das Bild vor Augen, wie Meffo mit angelegtem Arm abhob, sich vom Ball wegdrehte und die Kugel ihm aus kürzester Distanz an den Arm geschossen wurde. Die darauffolgende Freistoß-Entscheidung hatte sporthistorische Ausmaße, denn es war der Anfang vom Ende im Relegations-Rückspiel gegen den Hamburger SV. Heute bin ich dankbar, dass ich dabei sein durfte. Damals war ich fassungslos. 9,9 der 10 Mio. TV-Zuschauer hätten sich damals über unseren Aufstieg gefreut. Und das sicherlich nicht zu Unrecht. Wir waren in den beiden Duellen mit dem HSV vielleicht nicht die spielbestimmende Mannschaft, aber wir hätten es wirklich verdient gehabt. In unserer Kabine gab es damals sicherlich niemanden, der nicht geheult hat.

Meffert: Wir hatten schon im Hinspiel in Hamburg ein richtig gutes Spiel gemacht und hätten auch gewinnen können. Ich erinnere mich noch, dass es im Volksparkstadion extrem laut war. Auch das Rückspiel lief gut – bis zu dieser Freistoß-Situation. Das war extrem bitter.

Welche Verbindungen habt ihr heute noch nach Karlsruhe?

Peitz: Viele von damals sind nicht mehr in Karlsruhe und ich bin auch schon eine Weile weg. Als ich in Mainz gespielt habe, habe ich meinen Kumpel Burkhard Reich, der seit 2011 Teammanager des KSC ist, besucht. Dennoch haben mich in Karlsruhe viele erkannt, das hat mich sehr gefreut. Und mit meinen damaligen Trainer Markus Kauczinski, der jetzt Dynamo Dresden trainiert, habe ich mich im September anlässlich eines Spiels unserer U17 in Dresden getroffen.

Meffert: Daniel Gordon, mit dem wir damals zusammengespielt haben, ist letztes Jahr zurückgekehrt. Ich freue mich, ihn heute zu sehen, aber ansonsten habe ich keinen wirklichen Kontakt mehr zu weiteren KSC-Spielern, sondern eher zu den Menschen von dort, wie zum Beispiel früheren Nachbarn.

Ihr seid beide schon seit geraumer Zeit im Storchennest. Wie erklärt ihr euch die guten Leistungen der Störche in den vergangenen Jahren?

Meffert: Hier wird einfach gute Arbeit geleistet und nachhaltig gedacht. Wir haben eine gute Mannschaft mit einem guten Mix aus jungen und erfahrenen Spielern. Zudem kann man hier in Ruhe arbeiten. Es sind viele Kleinigkeiten, die da zusammen kommen.

Peitz: Ich bin jemand, der große Vorteile in einem ruhigen, kontinuierlichen und gewissenhaften Aufbau sieht. Der Rest ergibt sich von alleine. Genau so habe ich Holstein in den vergangenen Jahren wahrgenommen. Die Basis, die in Kiel geschaffen wurde, war einer der Hauptgründe, warum ich im Sommer 2016 hierher gewechselt bin. Inzwischen hat Holstein ein starkes Gerüst mit Spielern wie Hauke Wahl, Alexander Mühling oder eben Meffo. Keiner ruht sich auf dem Erreichten aus, es ist und bleibt das Wichtigste, alle Bereiche Step by Step weiterzuentwickeln. Auch unser Sportchef Uwe Stöver betont deswegen immer wieder, wie wichtig es sei, sich in dieser Spielklasse zu etablieren. Mit den sportlichen Erfolgen der letzten Jahre, der momentanen Entwicklung, unserer tollen Tradition und der ganz besonderen Randlage von Kiel stehen wir ausgezeichnet da. Das gilt es weiterzuentwickeln. Das langsame und stetige Wachstum empfinde ich als sehr zielführend.

Was schätzt ihr an der Landeshauptstadt Kiel besonders?

Meffert: Das Meer und die entspannten, unaufgeregten Menschen.

Peitz: Auch mir gefällt der Charakter der Menschen hier im Norden. Und die Landschaft. Nicht ohne Grund haben meine Familie und ich Kiel als Lebensmittelpunkt gewählt. Der Norddeutsche an sich ist sehr bodenständig und nicht für eine große Klappe bekannt. Damit kann ich mich identifizieren. Auch in diesen schwierigen Tagen stehen wir hier im Norden ziemlich gut da. Hier ist es, vor allem während des Sommers, sehr angenehm. Wir genießen die Nähe zum Strand unheimlich. Für schlechtes Wetter haben wir die passende Kleidung im Schrank. Wir fühlen uns hier als Familie sehr, sehr wohl.

Vielen Dank für das Gespräch, Dominic und Jonas.

Diesen Artikel teilen

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter