Holstein Kiel – VfB Lübeck (Sa. 14.00 Uhr)

“Der absolute Wille!“ –

Breitenreiter setzt auf die Fans

Morgen um 14.00 Uhr ist es soweit. Im SH-Klassiker treffen die beiden Teams von Holstein Kiel und dem VfB Lübeck aufeinander. Die letzten Wochen waren auf beiden Seiten von sportlichen Enttäuschungen geprägt. Beide Clubs reagierten inzwischen mit der Demission der Chef-Trainer Böger und Hollerbach und hoffen jetzt auf erfolgreiche Zeiten. Peter Vollmann soll es an der Förde richten, in Lübeck steht vorerst Ex-Profi Thorsten Flocken, etatmäßiger Coach der Verbandsliga-Spitzenreiters VfB Lübeck II, an der Seitenlinie.

„Einen schlechten Tag verzeiht der Fan, das hier nicht… VfB unterliegt HSV II mit 1:4 (0:2)“, so kommentierten die Web-Redakteure des Derby-Gegners VfB Lübeck die herbe Pleite gegen den Tabellenzweiten von der Elbe am vergangenen Wochenende. Eine erneut überaus schmerzliche Niederlage nach dem 0:2 beim FC St. Pauli. Nicht wenige Fans des VfB empfanden die Vorstellung gegen den HSV als eine Qual. Trainer Hollerbach sprach in der Pressekonferenz davon, “bald zu alter Stärke zurück zufinden.“ Doch zu alter Stärke muss der ehemalige Zweitligist ohne seinen Trainer, der am Mittwoch seines Amts enthoben wurde, finden. Damit reagierte man auf die wenig zufrieden stellende sportliche Entwicklung und die massiven Fanproteste der letzten Wochen.

Will der VfB seine immer noch günstige Ausgangsposition im Aufstiegsrennen nicht verspielen, dann muss die Kehrtwende eigentlich schon im Landesderby vollzogen werden. Das sich drehende Trainer-Karussell dürfte kaum zur Beruhigung der Situation in der Hansestadt beitragen. Der neue Coach soll nicht nur ein „Feuerwehrmann“ bis zum Saisonende sein. Der VfB sucht ausdrücklich einen Trainer, der die Planung für die kommende Saison mitgestaltet. Mögliche Kandidaten wären der in Essen geschasste Uwe Neuhaus, der Ex-Braunschweiger Michael Krüger oder auch der zum Saisonende in Wolfsburg scheidende Uwe Erkenbrecher. Keine Rolle sollen dagegen die in Kiel entlassenen Stefan Böger und Frank Neubarth sowie Andreas Bergmann (zuletzt St. Pauli) und Hans-Werner Moors spielen.

Dass dem VfB Lübeck in der Saison 2006/07 die Konstanz der letzten Jahre fehlen würde, das hatten viele erwartet. Hoffnungen auf den Aufstieg gab es dennoch. Und wie der bisherige Saisonverlauf gezeigt hat auch durchaus zu Recht. Die beiden Nachverpflichtungen Heun und streckenweise auch Ollhoff haben ihren Platz im Team gefunden. Vor allem Heun avancierte auf Anhieb zum erhofften Torjäger. Weber, Hoffmann (beide Mitläufer) und Rolleder (langzeitverletzt) erfüllten noch nicht die Erwartungen, der bereits wieder abgegebene Lindemann erwies sich als Fehleinkauf. Wölk und Martens sowie die Neuen aus dem eigenen Nachwuchs bewiesen in ihren jeweiligen Einsätzen durchaus Potenzial. Größter Gewinner ist der VfB-Nachwuchs, den Ex-Trainer Hollerbach in den letzten Monaten bedingungslos gefördert hat – sechs Spieler, die nicht zum Kader gehörten, setzte er (teilweise ohne Not) ein. Schefer und Wehrendt haben das Potenzial zum Stammspieler.

Mit Ausnahme von Heun hatten alle Leistungsträger aber auch Tiefs. Selbst die sonst so sichere Defensive um die Routiniers Schröder, Hirsch und Kullig wies zuletzt deutliche Lücken auf. Ansprechend, aber noch nicht effektiv genug nutzte der VfB die größte Stärke der Offensive, die Standards. Schwäche war vielfach das Spiel nach vorn, wo über die Außen und im Sturmzentrum spielerisches Potenzial und Schnelligkeit fehlte. Im Gegensatz zum Vorjahr fehlte am Ende oft die Konzentration, neun Punkte gingen in den letzten 15 Spielminuten bislang verloren. Die zuletzt nur 3.800 Zuschauer gegen den HSV waren alles andere als ein Beweis dafür, dass die Lübecker Fußballfans die 2. Bundesliga wollen. Packen die Grün-Weißen heute gegen den ewigen Landesrivalen Holstein Kiel die Kehrtwende?

Holsteins neuer Trainer Peter Vollmann lässt sich von den Unruhen beim Gegner nicht irritieren, setzt auf die Stärke seiner Mannschaft und zeigte sich vor dem Derby gelassen. „14 Spiele stehen noch auf dem Programm der KSV. Genug Zeit also, sich von den Rivalen im Abstiegskampf zu distanzieren.“ Hertha BSC II und Holstein (je 22 Punkte), Leverkusen II und Dortmund II (je 21), Wilhelmshaven (20) und Mönchengladbach II (15) bilden derzeit den Kreis der Abstiegskandidaten. Mit einer kleinen Serie könnte man sich schnell Luft verschaffen. Doch an einen solchen Höhenflug mag der Kieler Fan angesichts der kürzlichen Minusleistung in Dortmund kaum glauben.

„Wir brauchen die Fans ungemein. Und ich hoffe, dass wir die nötige Unterstützung haben werden“, weiß Kapitän Breitenreiter um die Sorgen der Anhängerschaft und setzt auf einen Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft. „Es wird auf beiden Seiten kochen und brodeln und ich hoffe sehr, dass das Spiel trotzdem von Fairness geprägt sein wird. Für die Fans ist es immer ein Saison-Höhepunkt. Für uns als Mannschaft ist aber jetzt jedes Spiel ein Endspiel und das ist unabhängig vom Gegner“, so Breitenreiter. „Wir müssen das Dortmund-Spiel unbedingt vergessen machen und drei Zähler einfahren. Der Druck ist sehr groß und wird sich mit jedem Spieltag noch erhöhen. Einige werden sich noch wundern was es bedeutet, im Abstiegskampf zu stecken“, fordert der Kapitän vollen Einsatz und den unbedingten Willen.

Selbigen wird allein schon die Aufstellung der Kieler betonen, denn laut Vollmann werden die Störche erneut mit der Doppelsitze Dobry/Guscinas auflaufen und auch eine weitere Verstärkung der Offensive schließt der frühere Zweitliga-Trainer nicht aus. (Patrick Nawe)

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