Nur im Pokal wackelt die Wand

Die Eintracht Nordhorn-Story

Die Fans des nächsten Holstein-Gegners SV Eintracht Nordhorn wissen derzeit nicht so recht, ob sie lachen oder weinen sollen. Grund zur guten Laune bot zuletzt eigentlich nur die schon unheimliche Siegesserie im Niedersächsischen Fußball-Pokal. Im Viertelfinale setzte sich die Mannschaft aus der Grafschaft Bentheim am 19. September mit 7:6 nach Elfmeterschießen beim Oberliga-Meisterschaftsanwärter in Cloppenburg durch, im Halbfinale am 16. Oktober musste gar Regionalligist und Zweitliga-Absteiger Eintracht Braunschweig nach einem 4:5, ebenfalls nach Elfmeterschießen, im Stadion am Heideweg die Segel streichen. Damit qualifizierte sich die Eintracht nicht nur für die 1. DFB-Pokal-Hauptrunde, sondern kann sich am 1. Mai 2008 mit einem neuerlichen Erfolg beim Lüneburger SK auch den Landespokal sichern.

Darüber hinaus entsteht derzeit am Heideweg für eine Million Euro eine schmucke neue Tribüne für 2000 Besucher, davon 1000 Sitzplätze. Damit erhöht sich die Kapazität des Stadions auf nahezu 10000 Plätze. Allerdings liegt der Zuschauerschnitt bei der Eintracht, die im Vorjahr hinter dem SV Meppen und Altona 93 in der Oberliga-Besucherstatistik immerhin auf Platz 3 lag, derzeit bei bescheidenen, wenn auch für Viertliga-Verhältnisse beachtlichen, 600 Zuschauern. Grund dafür ist der sportliche Niedergang des einstigen Erstligisten, der in der Oberliga Saison 1955/56 mit einem 12. Rang immerhin „Größen“ wie den FC St. Pauli, den VfL Wolfsburg oder auch den VfB Oldenburg hinter sich lassen konnte. Insgesamt fünf Jahre lang spielten die Grafschafter in den 50er Jahren erstklassig. Vom einstigen Ruhm ist bei der Eintracht, wie bei so vielen Traditionsclubs im Norden, nur noch die Erinnerung an alte „Großkampftage“ geblieben.

Am Ende der abgelaufenen Saison immerhin noch Tabellensiebter, so stehen die Rot-Weißen, die durch ein 2:3 in Heeslingen am vergangenen Wochenende erstmals die Rote Laterne der Oberliga Nord vom SV Lurup übernahmen, inzwischen mit einem Bein in der Fünftklassigkeit. Die nimmermüden Fans – stets in Konkurrenz mit den ärgsten Rivalen aus Meppen und Osnabrück – planen bereits den Neuanfang. Doch weit und breit ist momentan kein Spieler zu finden, der in die Fußstapfen einstiger „Helden“ wie zum Beispiel den „Mann mit der eingebauten Torgarantie“, Gert Goolkate, treten könnte. Im Sommer verließ Goolkate nach elf Jahren die Eintracht und tritt seitdem als Spielertrainer des SV Wietmarschen gegen das runde Leder. Goolkate, der einstige Schrecken der Oberliga-Abwehrspieler schaffte in der Saison 2004/2005, was es in den vergangenen drei Jahrzehnten im höherklassigen Fußball nicht gegeben hat, er erzielte 44 Treffer. Dies war eine Ausbeute, die es seit den 52 Toren von Günter Pröpper in der Saison 1971/72 für den Wuppertaler SV nicht mehr gegeben hatte. Aber auch das sind inzwischen nur noch Erinnerungen, ebenso wie die letzten beiden Auftritte der Eintracht gegen die 1. Mannschaft der Kieler Störche in der Regionalliga-Saison 1999/2000. Damals siegte Holstein unter Trainer Michael Lorkowski am 6. Spieltag mit 4:2 in Nordhorn und auch das Rückspiel in Kiel konnte die KSV am 23. Spieltag mit 5:2 für sich entscheiden. Den bitteren Gang in die Oberliga mussten dennoch beide Teams antreten. Die Einführungskriterien für die damals neue zweigleisige Regionalliga konnten die Clubs von der Ostsee und der holländischen Grenze nicht erfüllen, denn nur die ersten sechs Plätze eröffneten damals die Chance zur Qualifikation.

Bedauerlich ist die sportliche Krise des Traditionsclubs aus der Grafschaft Bentheim vor allem auch angesichts der Bemühungen, die immer wieder für den Sport angestellt werden. Nordhorn ist die sportfreundlichste Stadt in der Region. Dies beweist nicht zuletzt der Ehrenamtspreis des Deutschen Sportbundes. Allerdings tragen die Bundesligahandballer der HSG Nordhorn sowie Tennis-Ass Anna-Lena Grönefeld momentan mehr zum guten Ruf der Sportstadt Nordhorn bei als die Kicker von Trainer Jochen Wessels. Denn am Heideweg wackelt die Wand derzeit leider nur im Pokal. (Patrick Nawe)

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