„Wir wollen die kleinen Dinge gut machen“

Anfang Oktober vergangenen Jahres trat Marcel Rapp sein Amt als Cheftrainer der KSV an – und führte die Störche im restlichen Saisonverlauf zum vorzeitigen Klassenerhalt. Die Entwicklung der Mannschaft stimmt und auch der Coach ist sowohl sportlich als auch privat im hohen Norden angekommen. Aber es gibt da durchaus noch Dinge, die Rapp an der Kieler Förde vorhat.

Neun Spiele, acht Punkte, Tabellenplatz 15, ein Punkt Vorsprung auf den Relegationsrang – so lautete die Ausgangssituation, als Marcel Rapp Anfang Oktober vergangenen Jahres seinen Posten als neuer Cheftrainer von Holstein Kiel antrat. Knapp siebeneinhalb Monate später beendete die KSV ihre fünfte Zweitliga-Saison als Tabellenneunter fernab jeglicher Abstiegssorgen. Die Bilanz des 43-Jährigen kann sich also ohne Frage sehen lassen und unterstreicht zudem, dass der gebürtige Pforzheimer im hohen Norden angekommen ist – sowohl sportlich als auch privat.

„Die Menschen haben mich hier alle sehr herzlich aufgenommen. Ich bin ein offener Typ, der gerne auf andere zugeht, sodass es mir nicht schwerfiel, mich hier einzuleben“, erinnert sich Rapp an seine Anfangszeit in Kiel und ergänzt augenzwinkernd: „Ich hatte auch das Gefühl, dass mich meine Gesprächspartner trotz meines Dialekts alle gut verstanden haben.“ Seine neue Aufgabe an der Förde hat den Fußballlehrer deutlich weiter gen Norden geführt als es auf seinen bisherigen Stationen der Fall war. Denn nachdem er in der Jugend des Karlsruher SC ausgebildet worden war, gelang ihm 1998 der Sprung in den Herrenbereich des KSC. Auf seinen weiteren Stationen als aktiver Spieler lief der Linksfuß für Rot-Weiß Oberhausen, den FC Carl Zeiss Jena, SC Pfullendorf, die Stuttgarter Kickers sowie den FC Nöttingen auf und kann auf neun Zweitliga- und zwölf Drittliga-Einsätze sowie über 300 Spiele in der Regionalliga Süd zurückblicken. „Meine persönlichen Highlights als Fußballer waren die Spiele in der zweiten Bundesliga sowie für die U-Nationalmannschaft, mit der ich U18-Vize-Europameister geworden bin und auch an einer Junioren-Weltmeisterschaft teilgenommen habe“, erinnert sich Rapp, der sich selbst in der Retrospektive als „zuverlässigen und kopfballstarken Abwehrspieler mit gutem Spielverständnis“ beschreibt. „Leider war ich aber etwas zu langsam und hatte das eine oder andere fußballerische Defizit“, fügt der ehemalige Defensivspieler an, der nach seiner aktiven Karriere Anfang 2013 Co-Trainer von der U17 der TSG 1899 Hoffenheim wurde, die er ab 2015 als Cheftrainer trainierte. Von März 2017 bis Oktober 2021 coachte er die U19 der TSG – unterbrochen lediglich von einer kurzen Phase, als Rapp im Juni 2020 vier Spiele lang die Ligamannschaft der Sinsheimer gemeinsam mit Matthias Kaltenbach und Kai Herdling als Interimstrio übernahm und noch auf Rang sechs und damit in die Europa League führte.


Im Herbst 2021 folgte schließlich der Ruf der KSV – und somit der erste feste Cheftrainerposten im Herrenbereich. Die ersten drei Ligaspiele unter Rapps Leitung endeten allesamt 1:1-Unentschieden, ehe die Störche Anfang November vergangenen Jahres einen wichtigen 2:1-Heimsieg gegen Dynamo Dresden einfuhren. „Neben den Siegen in den Nordduellen gegen den FC St. Pauli, Hamburger SV und Werder Bremen war dieses Spiel ein echtes Highlight für mich, weil die Jungs trotz eines Rückstands und eines verschossenen Elfmeters vor der Pause anschließend aus der Kabine gekommen sind und das Spiel noch gezogen haben. Das war ein echtes Ausrufezeichen“, rekonstruiert der KSV-Coach, dessen Handschrift insbesondere nach der Winterpause immer erkennbarer wurde. „Natürlich dauert es immer eine Weile, bis gewisse Abläufe sitzen, nachdem ein neuer Trainer gekommen ist. Ich wollte nicht alles von dem, wie hier vorher gespielt wurde, kopieren, aber generell deckt sich Holsteins Grund-DNA mit meiner Idee von Fußball“, erklärt Rapp, der mit der Entwicklung seiner Mannschaft sehr zufrieden ist. Kein Wunder: Unter seiner Leitung spielten die Störche eine starke Rückserie, machten durch den 3:2-Auswärtssieg in Bremen am 32. Spieltag den Klassenerhalt vorzeitig perfekt und belegten in der Rückrundentabelle mit 27 Zählern einen starken sechsten Platz. Der Schlüssel zum Erfolg sei gewesen, zu jeder Zeit die Ruhe bewahrt und sich auf die eigenen Stärken fokussiert zu haben, betont Rapp.

„Wir haben in der vergangenen Saison verschiedene Phasen durchlebt. Wir als Trainerteam hatten stets ein großes Vertrauen in unsere Mannschaft, weil wir bei uns geblieben sind. Wir mussten lange Zeit ohne mehrere Leistungsträger auskommen, aber dafür sind dann andere in die Bresche gesprungen. Von daher bin ich mit unserer Endplatzierung sehr zufrieden und auch sehr stolz auf die Jungs“, zieht der Kieler Coach ein positives Resümee. Also alles gut? Nein, schließlich gebe es immer Verbesserungspotential, wie Rapp mit Nachdruck unterstreicht: „Man ist als Trainer grundsätzlich nie zufrieden, weil man immer gewissen Ideale hat. Wir befinden uns auf einem sehr guten Weg, wollen aber auch in Zukunft unsere Abläufe noch weiter verfeinern.“

Wir befinden uns auf einem sehr guten Weg, wollen aber auch in Zukunft unsere Abläufe noch weiter verfeinern.

Marcel Rapp

Dass unter seiner Ägide bereits drei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in diesem Kalenderjahr ihr Profidebüt feierten, sieht der Holstein-Trainer nicht in einem kausalen Zusammenhang zu seinen früheren Stationen im Jugendbereich der TSG Hoffenheim. „Zuerst einmal geht es stets darum, Spiele zu gewinnen. Aber wenn ich sehe, dass die jungen Spieler gut trainieren, dann setze ich sie auch ein, wenn sie aus meiner Sicht bereit dafür sind.“ Apropos Nachwuchs: Wenn die Ferien in Baden-Württemberg vorbei sind, folgt auch Rapps Ehefrau mit den beiden gemeinsamen Töchtern ihrem Mann in den hohen Norden, sodass der Familienvater dem eigenen Nachwuchs die neue Heimat näherbringen kann. „Schilksee, Strande, Heikendorf und der Falckensteiner Strand gefallen mir sehr gut. Auch an der Kiellinie gehe ich gerne einmal spazieren“, verrät der Neu-Kieler, der den Sommerurlaub gemeinsam mit der Familie in den Bergen in Südtirol verbrachte. Und was steht bis dahin neben der Saisonvorbereitung mit den Störchen noch auf dem Programm? Natürlich Fußball schauen (Rapp: „Ich gucke einfach sehr gerne Fußball. Natürlich ist das Teil meines Jobs, aber ich habe auch ein großes Faible dafür, mir Spiele im Nachhinein unter taktischen Gesichtspunkten anzuschauen. Aber auch die Choreographien der Fans finde ich einfach mega!“) – und Angeln. „Die Einladung von unserem Teambetreuer Tim Petersen steht, aber bisher sind wir noch nicht dazu gekommen“, berichtet Rapp, der gerne Fisch isst, bei Besuchen im Süden sich die heimischen Maultaschen aber nicht entgehen lässt.

In Kiel hat der gebürtige Badener noch einiges vor. „Wir wollen die kleinen Dinge gut machen. Wenn das klappt, werden wir mit den entsprechenden Ergebnissen belohnt, was sich wiederum in der Tabelle widerspiegelt“, rechnet Rapp vor. Wenn dieser Plan aufgeht, stehen die Chancen nicht schlecht, dass seine Mannschaft nach dem neunten Spieltag der Saison 2022/23 mehr als acht Punkte auf dem Konto hat, wie es beim Amtsantritt des Kieler Coaches knapp ein Jahr zuvor der Fall war. Und wenn es dann noch mit dem Angeln klappt, dürfte Rapp sich an der Küste wohl endgültig heimisch fühlen.

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