“Wir wollen ein Zeichen setzen“

Interview der Woche: Sven Boy

Holstein Kiel konnte durch den Erfolg gegen den VfB Oldenburg die Tabellenführung auf vier Zähler ausbauen. Die Qualifikation zur Regionalliga Nord ist zum Greifen nah. Neun Spiele vor dem Ende der Oberliga-Saison 2007/08 und wenige Tage vor dem Derby an der Lübecker Lohmühle (So., 15.00 Uhr) sprachen wir mit Holstein-Kapitän Sven Boy.

Hallo Sven, gegen den VfB haben die Störche drei wichtige Zähler erkämpft und den so oft geforderten Erfolg gegen eine Spitzenmannschaft der Oberliga sichergestellt. Die Stimmung müsste doch eigentlich ausgezeichnet sein im Storchennest, oder?

Sven Boy: Wir sind durchaus nicht unzufrieden, haben uns die ausgezeichnete Tabellensituation hart erarbeiten müssen. Gegen Oldenburg standen wir einem wahren Abwehr-Bollwerk gegenüber. Von Beginn an verteidigte der VfB mit Mann und Maus, das wurde nach dem Platzverweis noch extremer. Dass wir uns trotzdem eine Vielzahl von Tormöglichkeiten erarbeitet haben, das spricht für die Geduld und Konzentration der Mannschaft. Das Wichtigste aber war, dass wir erneut ohne Gegentor über die Runden gekommen sind und uns nicht aus der Ruhe bringen ließen. Darauf beruht unser System, das verleiht uns Stabilität. Die letzten vier Spiele haben gezeigt, dass wir derzeit nur schwer zu knacken sind, auch wenn wir noch nicht den Entwicklungsstand besitzen, um eine Partie über 90 Minuten zu dominieren.

Viele Fans hätten sich dennoch eine offensivere und spielerisch ansprechendere Vorstellung gewünscht…

Sven Boy: Die Erwartungshaltung unserer Zuschauer ist sehr groß, sicherlich auch nicht zu Unrecht, denn wir haben einen starken Kader zusammen. Aber ganz ehrlich, wie soll man einen sehenswerten Spielaufbau initiieren, wenn man bis zur Mitte der gegnerischen Hälfte überhaupt keinen Gegenspieler vor sich hat. Ich gehe sogar noch weiter, wozu brauchen wir denn gegen solche Mannschaften überhaupt eine raffinierte Spieleröffnung? Wenn wir spielen ist es oft wie Handball. Der Gegner zieht sich komplett bis zum eigenen Strafraum zurück und wenn wir dann mit unseren Spitzen aufrücken, dann tummeln sich 16 oder 17 Spieler auf engstem Raum. Da die Lücke zu finden ist ungemein schwer. Es gibt bei 90 Prozent unserer Spiele einfach keinen Platz, um eine gepflegte Spielkultur zu entwickeln. Und unser Anrennen gegen eine Mauer, so wie am Wochenende gegen Oldenburg, das ist sicherlich nicht immer attraktiv.

Ein oberligaspezifisches Problem?

Sven Boy: Das triftt sicherlich zu. Mitunter praktizieren die Gegner doch reinen Zerstörerfußball gegen uns. Es gibt kaum eine Mannschaft, die wirklich mitspielt. Selbst Oldenburg stand gegen uns sehr tief. Ich denke, dass die Zuschauer in der neuen Regionalliga sehenswerteren Fußball zu sehen bekommen.

Aufgrund der drei 1:0-Erfolge in Serie wurdet ihr als Kieler Minimalisten bezeichnet…

Sven Boy: Wenn eine Mannschaft in der Saison 80 oder 90 Tore schießt, dann wird der tolle Offensivfußball gelobt, egal wie oft es hinten geklingelt hat. Wenn man, wie wir derzeit, nur 19 Treffer kassiert hat, dann hält das kaum jemand für erwähnenswert. Sicher ist Hurra-Fußball für Zuschauer manchmal attraktiver, er birgt aber auch das Risiko, schnell ins Hintertreffen zu geraten. Und ich bin mir sicher, dass auch unsere Zuschauer diese Tatsache erkannt haben. Auch wenn wir fünf Tore in einem Spiel schießen, letztlich sind nur drei Zähler zu vergeben. Und dass wir die in den letzten Spielen zuverlässig eingefahren haben, das ist unserem Spielsystem zu verdanken. Um die Offensive brauchen wir uns weniger Gedanken zu machen, ein oder zwei Tore erzielen wir immer. Und wenn es eben durch ein Freistoßtor wie am Sonntag fällt, ganz egal. Und wenn mir heute jemand versprechen könnte, dass wir bis zum Saisonende jedes Spiel mit 1:0 gewinnen, dann würde ich glatt unterschreiben. Ist das dann Minimalismus? Und selbst wenn, ich möchte sehen, wer sich dagegen wehren würde. Wir werden unser erfolgreiches System sicherlich beibehalten, denn wir wollen unsere Spitzenposition bis zum Saisonende nicht mehr abgeben.

Am Sonntag steht für Holstein das vielleicht brisanteste Spiel der Rückrunde auf dem Programm. Wie geht die Mannschaft an die aufgrund der Hinspiel-Pleite heikle Aufgabe heran?

Sven Boy: Wir haben da etwas gut zu machen. Nicht nur bei unseren Fans, sondern auch beim Verein und seinen Verantwortungsträgern, die über Jahre konsequent in die KSV Holstein investiert haben und uns Spielern erhebliche Freiräume gegeben haben. In der Vorrunde wurden wir als Team dort getroffen, wo es am meisten schmerzt. Unsere Ehre wurde beschädigt. Wir mussten uns danach, berechtigterweise, wochenlang Kritik anhören. Wer da nicht motiviert ist, im Rückspiel die passende Antwort zu geben, der gehört nicht auf das Spielfeld. Mit einer gesunden Mischung aus Zorn und Herzblut müssen wir an der Lohmühle einfach zeigen, dass wir die KSV Holstein sind. Wir wollen ein Zeichen setzen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg an der Lohmühle, Sven.

Das Interview mit Sven Boy führte Patrick Nawe

Foto: Seit der Rückkehr von Kapitän Sven Boy blieb die KSV Holstein in vier Spielen ohne Gegentreffer.

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