Heute vor zehn Jahren: „Das Jahrhundert-Spiel!“ Als Viertligist gegen den BVB

Auf den heutigen Tag genau vor zehn Jahren, am 7. Februar 2012, trafen unsere Störche im damals so genannten Jahrhundert-Spiel im DFB-Pokal-Viertelfinale auf den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund. Der damalige Regionalligist aus Kiel hatte nach den fulminanten Pokal-Auftritten gegen die Zweitligisten Energie Cottbus (3:0) und MSV Duisburg (2:0) sowie den Erstligisten FSV Mainz 05 (2:0) sensationell das Viertelfinale erreicht. Nie zuvor hatte es rund um den Pokal-Hit einen derartigen Medienrummel rund um das ausverkaufte Holstein-Stadion gegeben. Doch eine weitere Sensation des Pokalschrecks von der Förde blieb aus. Der damals noch von Jürgen Klopp trainierte BVB nutzte seine Torchancen bei Minusgraden und hart gefrorenem Boden vor 11500 Zuschauern eiskalt. Durch die Treffer von Robert Lewandowski (12.), Shinji Kagawa (18.), Lucas Barrios (80.) und Ivan Perisic (87.) hieß es am Ende 4:0 für die übermächtigen Gäste, die am Ende der Saison das Double feiern durften.

Die Klimaexperten von Kiel

Doch bevor es überhaupt im Holstein-Stadion losgehen konnte, war guter Rat teuer. Nur eine konzertierte Aktion im Vorfeld des Spiels konnte den großen Traum vom „Wintermärchen“ im Holstein-Stadion aufrechterhalten. Der Dezember und Januar waren geprägt von Frost und Eis und das Holstein-Stadion hatte damals noch keine Rasenheizung. Auf der Suche nach einer Lösung für unvorhergesehene Wetterumschwünge und Kälteeinbrüche erinnerte sich Holsteins Sportlicher Leiter Andreas Bornemann an den Prototypen eines Klimazeltes, das bereits im Mutterland des Fußballs erfolgreich getestet wurde. Was für das Wembley-Stadion gut war, das konnte ja für das altehrwürdige Holstein-Stadion nicht ganz schlecht sein, dachte man sich. Schnell ließen die KSV-Verantwortlichen die Bedingungen prüfen. Immerhin musste Platz für einen 4800 Liter-Gastank gefunden, eine „sattelfeste“ Verankerung für die mehr als 6000 Quadratmeter große Plane installiert und der Schulterschluss hoch motivierter Unternehmen, der Stadtwerke Kiel sowie der Landeshauptstadt Kiel vollzogen werden. Binnen kürzester Zeit wurde – sportlich ausgedrückt – eine spielstarke Mannschaft aus den beteiligten Unternehmen (darunter auch die Störcheclub-Mitglieder Elektrotechnik Voss und Rumpf – Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau und die Stadt Kiel) geformt, die mit hohem Einsatz und extremer Flexibilität alle Hindernisse aus dem Weg räumen konnten. Die Zeltkonstruktion lief zur Generalprobe auf Hochtouren und bestand ihre Feuertaufe. Konnten im Dezember bereits die Heimspiele gegen Wolfsburg II, Halle und Mainz 05 regulär durchgeführt werden, so stand nun auch dem Pokal-Hit Anfang Februar gegen Dortmund nichts mehr im Wege.

Es geht los …

Dann war der große Tag gekommen. Im ersten Pflichtspiel des Jahres 2012 schenkte Thorsten Gutzeit damals nahezu der gleichen Startelf das Vertrauen wie schon im erfolgreichen DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Mainz 05. Sofien Chahed ersetzte den am Kreuzband verletzten Tim Siedschlag auf der rechten offensiven Mittelfeldposition. Kapitän Christian Jürgensen feierte nach seiner Verletzungspause ein Comeback.

Dortmund dominant

20.33 Uhr, Anstoß zum Pokalspiel des Jahrzehnts aus Kieler Sicht. Dortmund war von Beginn an um dominantes Spiel bemüht, wollte unsere Störche auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Unsere Elf hielt mit den fantastischen Zuschauern im Rücken dagegen. Nach sieben Minuten fast mit Erfolg, doch Marc Heider scheiterte frei vor BVB-Keeper Mitchell Langerak. Der Meister war bei Minusgraden kaltschnäuziger. Einen verunglückten Torschuss von Perisic staubte Lewandowski aus kurzer Distanz zur Führung über die Linie ab (12.). Unsere KSV war weiter um ein druckvolles Offensivspiel bemüht, doch der Deutsche Meister zeigte sich hochkonzentriert: Konter über den blitzschnellen Piszczek auf rechts, präziser Pass auf Kagawa ins Zentrum, und der Japaner drosch das Leder zum 0:2 unter die Latte (18.). Trotz munteren Spiels fielen bis zur Pause keine weiteren Treffer. Mit 0:2 aus Kieler Sicht ging es in die Kabinen.

Holstein mutiger

Der Rasen wurde bei -4 Grad immer glatter. Beide Teams hatten in der zweiten Hälfte Mühe, flüssig zu kombinieren. Ausrutscher hüben wie drüben. Das Spiel blieb aber weiter fair. Holstein suchte in der Offensive immer wieder Heider, der gegen das Innenverteidiger-Duo Mats Hummels/Neven Subotic einen schweren Stand hatte. Unsere Störche wurden im Verlauf der zweiten Halbzeit immer mutiger und gaben dem Favoriten dadurch viel Platz zum Kontern. Unsere Nummer 1 damals, Morten Jensen war aber auf dem Posten. In der 80. Minute war unser Schlussmann dann aber machtlos, als Barrios eine Flanke auf dem zweiten Pfosten nur noch über die Linie drücken musste. Bundesliga-Schiedsrichter Zwayer aus Berlin wertete kurz vor dem Schlusspfiff ein faires Weggrätschen des Balles von KSV-Kapitän Christian Jürgensen zu Torwart Jensen als Rückpass. Den indirekten Freistoß verwandelte Perisic zum 0:4-Endstand (84.). Ein kleiner Wehrmutstropfen angesichts der couragierten Störche-Leistung im Kieler Kühlschrank.

Holsteins damaliger Kapitän Christian Jürgensen erinnert sich:

Stimmen zum Spiel

 „Wir haben einen tollen Fight geliefert und können stolz auf unsere Leistung sein. Dortmund hat aufgrund seiner Klasse verdient gewonnen, letztlich ist das Ergebnis aber um zwei Tore zu hoch ausgefallen“, so Verteidiger Steve Müller nach dem Schlusspfiff.

Holstein-Präsident Roland Reime zeigte sich von der Partie sehr angetan: „Das war Werbung für den Fußball. Zwei starke Mannschaften, großartige und friedliche Fans – so muss Fußball sein. Wir Kieler können stolz auf diese Mannschaft der KSV Holstein sein. Sie hat – auch heute – etwas Tolles geleistet. Ich gratuliere Borussia Dortmund zum heutigen Erfolg – ein 2:0 hätte es aber auch getan.“ 

Geburtstagskind Rafael Kazior meinte abgekämpft: „Wir hatten keinen Respekt. Für mich war das ein ganz normaler Gegner, den man beackern muss. Nachdem wir gezeigt haben, dass wir mit zwei Zweitligisten und einem Bundesligisten mithalten können, hat Dortmund verdient gewonnen. Wenn die im Strafraum sind, dann machen sie die Dinger eiskalt rein.“

Fiete Sykora meinte: „Insgesamt hat uns vielleicht etwas der Mut gefehlt. Dennoch bleibt für mich, dass wir mit dem Erreichen des Pokal-Viertelfinals eine große Leistung vollbracht haben.“

Holsteins Sportlicher Leiter Andreas Bornemann, der vor der Partie die historische Dimension des Viertelfinal-Einzugs betont und die tolle Leistung der Störche im laufenden Pokal-Wettbewerb gelobt hatte, zeigte sich kurz nach dem Schlusspfiff sowie dem Pokal-Aus kämpferisch: „Ab morgen gilt wieder alle Konzentration der Regionalliga.“

Kiel würdig vertreten

Die KSV Holstein hat in der Pokalsaison 2011/12 dem übermächtigen Bundesligisten einen ansprechenden Pokalfight geliefert. Dass der Deutsche Meister für einen drei Klassen tiefer angesiedelten Verein dann doch eine Nummer zu groß war, das gehört zu den Gesetzmäßigkeiten des Fußballs. Mehr Qualität setzt sich in der Regel durch. „Gleichwohl erübrigt es sich, von Siegern und Verlieren zu sprechen. Holstein Kiel hat damals die Landeshauptstadt bundesweit würdig vertreten und seinen Fans während der vier Pokalrunden sehr, sehr viel Freude bereitet“, so die Kieler Nachrichten am Morgen nach dem Spiel. Und auch die „sagenhaften“ 5,79 Millionen Fernsehzuschauer konnten sich im Rahmen der ARD-Liveübertragung ein Bild davon machen, dass sich unsere mutigen Störche auch gegen die damals beste deutsche Mannschaft nicht versteckt hatten. Auf jeden Fall nimmt der Pokal-Wettbewerb 2011/12 in der bewegten Historie der Kieler Störche einen würdigen Platz ein.

DFB-Pokal Viertelfinale am 7. Februar 2012

Holstein Kiel – Borussia Dortmund 0:4 (0:2)

Holstein Kiel: Jensen – Herrmann, Berzel, Jürgensen, Poggenberg – Kazior, Müller – Chahed (81. Sachs), Sykora, Lindner (85. Wetter) – Heider (83. Wulff). Trainer: Gutzeit.

Borussia Dortmund: Langerak – Pisczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Leitner, Kehl – Blaszczykowski (69. Großkreutz), Kagawa (82. Gündogan), Perisic – Lewandowski. Trainer: Klopp.

Tore: 0:1 Lewandowski (11.), 0:2 Kagawa (18.), 0:3 Barrios (80.), 0:4 Perisic (87.)

Zuschauer: 11.552 im ausverkauften Holstein-Stadion

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