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Geschichte und Geschichten: Die Kultstätte an der Grünwalder Straße

Fußballstadien sind nicht nur Orte für Sport. Sie erinnern in ihrer Entwicklung an Kriegszeiten, politische Umbrüche und spiegeln vor allem die Gesellschaft wider. Vom einfachen Bauwerk der Anfänge haben sie sich inzwischen zu modernen Erlebnisarenen entwickelt, die Fans nicht nur mit Spielen, sondern auch mit Events und Erinnerungsorten begeistern. Da ist es nur zu verständlich, dass viele Fans und Fußballnostalgiker angesichts der heutigen „Betonpaläste“ vor allem für Sehnsuchtsorte mit Charisma, Vergangenheit und Authentizität schwärmen. Einer davon ist ohne Frage das legendäre „Sechzger“ an der Grünwalder Straße in München, Heimstätte unseres kommenden Gegners in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals. Wenn ein Stadion die pathetische Bezeichnung Kultstadion verdient, dann sicherlich das Stück Münchner Fußballseele auf Giesings Höhen.

Aktuelle Einblicke in …
… das Stadion an der Grünwalder Straße.

Von der Gründung bis zur „Deutschen“

Am 21. Mai 1911 als Sportplatz des TSV 1860 München eröffnet, spielten hier in der Anfangszeit neben 1860 auch noch der FC Bayern und der FC Wacker München. Sehr zur Freude der Löwen, die so als Eigentümer zusätzliche Mieteinnahmen zur Tilgung von Bauschulden und Unterhaltskosten generieren konnten. Im Sommer 1927 folgte auch noch der gerade aufgestiegene Deutsche SV. Somit waren gleich vier damalige Münchner Clubs der erstklassigen Bezirksliga Bayern im „Sechzger“ aktiv. Im selben Jahr kämpften die Löwen als Nummer eins in Bayern erstmals um die Deutsche Meisterschaft. Zum 3:0-Sieg im Viertelfinale der „Deutschen“ gegen den dreifachen Meister VfB Leipzig pilgerten 25.000 Zuschauer zu Giesings Höhen. Im Schnitt durften sich die Löwen damals über 10.000 Besucher freuen, zu den Stadtderbys gegen Bayern und vor allem Wacker kamen regelmäßig zwischen 20.000 bis 30.000 Begeisterte. Die Fachzeitschrift „Der Fußball“ bezeichnete das „Sechzger“ als Deutschlands schönste Vereinssportanlage.

Mit seiner rauen, engen und lauten Atmosphäre besitzt das „Sechzger“ bis heute etwas, was moderne Arenen oft vermissen lassen. Für viele ist das der Stadion-Charme, der dem Fußball heute allzu oft verloren gegangen scheint. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass bei allen Umbau- und Abrissplänen der vergangenen 100 Jahre die Fanstimmen mächtig genug waren, um das Kleinod in Giesing zu erhalten.

Die größten Erfolge – Deutscher Meister 1966

1964 holte 1860 den DFB-Pokal mit einem 2:0 im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. In der folgenden Saison gelang der Einzug ins Finale des Europapokals der Pokalsieger, das am 19. Mai 1965 im Londoner Wembley-Stadion mit 0:2 gegen West Ham United verloren ging. Als Krönung dieser Erfolgsserie folgte dann 1966 der Gewinn der Deutschen Meisterschaft – der erste und einzige Meistertitel.

Unter Trainer Max Merkel holten die Löwen 1966 die Deutsche Meisterschaft.
Imposanter Fanblock an der Grünwalder Straße.

Olympiastadion und Allianz Arena

Zwischenzeitliche Ausflüge in das 1972 eröffnete Olympiastadion oder auch die Ära in der Allianz Arena, wecken keine guten Erinnerungen bei den Löwen-Fans. Und kaum ein Datum ist in der Story des TSV 1860 so aufgeladen wie der 30. Mai. Gleich dreimal schrieb dieser Tag Vereinsgeschichte: 2005 mit dem feierlichen Einzug in die Allianz Arena inklusive des 3:2-Sieges über den großen Landesrivalen 1. FC Nürnberg, 2011 mit dem Einstieg des jordanischen Investors Hasan Ismaik – und 2017 mit dem sportlichen Abstieg aus der Zweiten Liga. Das 0:2 gegen Jahn Regensburg war gleichzeitig auch das letzte Spiel für den TSV 1860 in der Arena. Was 2005 als Aufbruch in eine neue Ära gefeiert wurde, entpuppte sich für 1860 schnell als Bumerang, auch wenn die Löwen in ihrem ersten Jahr in der Allianz Arena einen Rekord-Zuschauerschnitt von 41.371 feiern durften.

10.000 Dauerkarten

Das „Sechzger“ gilt als Legende des deutschen Fußballs. Selbst jüngere Generationen, die keinerlei Erinnerungen mehr an den Deutschen Meister, Europapokalteilnehmer und Bundesligisten 1860 München haben, dürften vor zwei Wochen aufgehorcht haben. Denn da feierten die in die Viertklassigkeit zwangsversetzten Löwen ihr Regionalliga-Heimdebüt gegen den FC Augsburg II vor – natürlich – 15.000 Zuschauern an der restlos ausverkauften Grünwalder Straße. 10.000 verkaufte Dauerkarten für die Regionalliga Bayern sprechen dabei Bände.

Liebe kennt bei auf Giesings Höhe ganz offensichtlich keine Liga. Spätestens am kommenden Freitag werden das auch die Kieler Störche und ihre mitgereisten Fans an der Isarkante hautnah miterleben. Neben Fußball bietet Giesing natürlich auch Einblicke in die weltbekannte Münchner Bierkultur und ihre traditionellen Wirtshäuser, die das Viertel lebendig machen. Ein Pokalspiel mit ganz besonderem Erlebniswert also …

Münchner Fanblock beim Pokalspiel gegen Holstein Kiel im August 2018.
Roman Beer widmete dem Grünwalder Stadion ein herausragendes Buch.

Bildquellen: TSV 1860 München / Archiv Holstein Kiel

Textquellen: Beer, Roman (2004): Kultstätte an der Grünwalder Straße. Verlag die Werkstatt.

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