Der Zweite Weltkrieg war gerade erst seit einem Dreivierteljahr beendet, überall herrschte Not. Kiel war zu 80% zerstört und durch Flucht und Vertreibung hatte sich die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins um 1,5 Millionen Menschen erhöht. Unzählige lebten in menschenunwürdigen Notunterkünften, in überbelegten Wohnungen und die Versorgung der Bevölkerung gestaltete sich äußerst kritisch. Und nichts ging ohne die Briten, die Schleswig-Holstein bei Kriegsende besetzt hatten. Inmitten dieser Nachkriegswirren war die Geburtsstation der weitestgehend zerstörten Frauenklinik in den Knorrbunker in der Wiker Hohenrade verlegt worden. Und dort erblickte am 26. März 1946 – also heute vor genau 80 Jahren – mit Erika Wohlert (Mädchenname Gaedicke) eine der prägendsten Spielerinnen der Holstein-Handball-Geschichte das Licht der Welt.
Der größte Tag
Am 18. April 1971 feierte Wohlert mit den Handballfrauen der KSV Holstein in der Kieler Ostseehalle durch einen 6:4-Erfolg gegen den 1. FC Nürnberg den Gewinn der Deutschen Handballmeisterschaft und revanchierte sich damit für die Endspiel-Niederlage gegen den Club ein Jahr zuvor. Kiel hatte seinem Ruf als Handball-Hochburg erneut Ehre gemacht, denn die 3.500 Zuschauer bedeuteten damals einen neuen bundesdeutschen Endspiel-Rekord im Frauenhandball. Das Publikum erlebte ein Finale, das bis zur letzten Sekunde spannend war. Am Ende triumphierten die erfolgreichen Handballerinnen der KSV. Mittendrin war mit der 25-jährigen Erika Wohlert eine Spielerin, die kurz nach dem Sieg mit ihrem ersten Einsatz in der Handball-Nationalmannschaft belohnt werden sollte.


Jugend und Natur
Dass Wohlert eine derart gute Handballerin werden konnte, lag sicherlich auch an der Tatsache, dass sie ihre Kindheit weitestgehend draußen verbrachte. „Ich hatte eine unbekümmerte Jugend und wir haben jede freie Minute mit Herzenslust im Freien verbracht“, berichtet die Jubilarin. „Die Schule war eigentlich nur ein notwendiges Übel“, so Wohlert, die ihre Ferien sehr häufig auf einem Bauernhof in Dänisch-Nienhof im Norden Kiels verbrachte. „Das Melken und Füttern im Stall sowie die Landarbeit waren für mich eine echte Erfüllung“, erzählt die Kielerin. So blieb sie auch beruflich eng mit der Natur verbunden und absolvierte nach der Schule und nach dem Abschluss an der Frauenfachschule eine Lehre als Gärtnerin und Floristin.
Die Anfänge
Im Alter von 14 Jahren kam Wohlert erstmals mit dem Handballspiel bei Holstein Kiel in Berührung. „Wir waren so stark, dass wir schon in der Jugend viele Male Landesmeister wurden“, erinnert sich Wohlert an ihre frühen Erfolge. Der Sport lehrte ihr so wichtige Dinge wie Fairness und Miteinander. Auch heute noch verspürt die Rentnerin ein Hochgefühl, wenn sie eine Turnhalle betritt. Und auch die Gruppendynamik ist ihr noch immer wichtig. Nicht ohne Grund betreibt sie bis heute Reha als Gruppensport und hält sich fit. „Ich fühle mich körperlich wohl und glaube nicht so recht an das Alter – auch wenn die biologische Uhr nun mal das Gegenteil sagt“, so Wohlert anlässlich ihres 80. Geburtstages.
Familie und Ruhe
Erika Wohlert ist immer ein Familienmensch gewesen. Im Alter von 30 Jahren brachte sie ihre Tochter Ariane zur Welt und ist heute stolze Oma zweier Enkel. Seit Jahren fährt sie immer am Vatertag in ihrem Heimatort bei Süderbrarup einen Rasenmäher samt Anhänger und lauter Technomusik durch die Gegend und wird dabei von rund 250 jungen Menschen begleitet. Aber auch die Ruhe liegt ihr sehr am Herzen. Die findet sie in ihrem Garten, bei langen Spaziergängen mit ihren beiden Hunden oder auch auf Reisen mit ihrem Lebensgefährten, der ein passionierter Segler ist. Und so geht Erika Wohlert, die seit jeher glühender Fan der Holstein-Fußballer ist, im Sommer im stattlichen Alter von 80 Jahren erneut auf Segeltörn.


Steckbrief Erika Wohlert (Mädchenname Gaedicke, geb. 26. März 1946 in Kiel)
– Deutsche Handballmeisterin mit Holstein Kiel 1971, Deutsche Vizemeisterin 1970
– Norddeutsche Meisterin 1968, 1969 und 1971 (Kleinfeld) sowie 1970 und 1974 (Halle)
– Ehemalige Handball-Nationalspielerin (drei Einsätze 1970/1971)
– Spielerin der Holstein Handball-Damen von 1965 bis 1975 (danach Stand-by)
– Mitglied im Holstein-Traditionsclub