Bild zum Artikel: Zum Internationalen Frauentag: Drei Fans berichten
Holstein-Fans unter sich: Sarina, Solly und Anne (v. li.) in ihrem zweiten Zuhause, dem Holstein-Stadion.

Zum Internationalen Frauentag: Drei Fans berichten

Die Sonne scheint über dem Holstein-Stadion, als Sarina, Anne und Solweig Anfang März in ihrem zweiten Zuhause eintreffen. Sie sind Fans von Holstein Kiel – und sprechen mit uns über ihre Leidenschaft für den Verein und ihre Erfahrungen in der Fanszene.

Anlass unseres Gesprächs ist der Internationale Frauentag, der seit 1921 am 8. März gefeiert wird. Er entstand 1911 im Kampf für die Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht und die Emanzipation der Arbeiterinnen. Seit 2019 ist der Weltfrauentag ein gesetzlicher Feiertag in Berlin, vier Jahre später zog Mecklenburg-Vorpommern nach.

Anne (40): „Holstein Kiel ist für mich Leidenschaft, Flucht aus dem Alltag und Familie“

Einfach mit „normalen“ Menschen Fußball gucken und einen schönen Tag verbringen – das war Annes Gedanke, als sie 2013 mit Arbeitskollegen zum Heimspiel der Störche gegen den FC Hansa Rostock ging. „Ich bin durch meinen Vater mit Fußball groß geworden“, erzählt die Notfallsanitäterin. Ein einziger Stadionbesuch reichte, um aus der Fußballbegeisterung aus Kindertagen eine echte Leidenschaft für Holstein Kiel werden zu lassen.

Anne ist regelmäßiger Gast im Holstein-Stadion, seit 2017 besitzt sie eine Dauerkarte. „Der Verein war früher so ‚basic‘. Es hatte etwas Familiäres. Da habe ich mir gesagt: ‚Hier bleibe ich!‘“ Gemeinsam mit Solweig, die alle nur „Solly“ nennen, ist Anne heute Mitglied im Fanclub „Tüünlüüd“. Ihr Platz ist in Block H direkt hinter dem Tor, inzwischen auch mit eigenem Doppelhalter.

In den vergangenen Jahren ist Anne aufgefallen, dass deutlich mehr Frauen ins Stadion kommen. Allerdings werden sie manchmal noch anders wahrgenommen und gelten schnell als Begleitung. Gleichzeitig wünscht sich Anne mehr Aufmerksamkeit – und dass Frauen im Fußball mehr gefeiert werden, sowohl auf den Rängen als auch auf dem Feld. „Ein offizieller Frauen-Fanclub wäre sehr cool.“

Auch beim Zugang zum Awareness-Team sieht sie noch Verbesserungsbedarf. „Ich habe meinen Safespace im Fanclub. Aber was ist mit Fans, die nicht in so einer Gruppe unterwegs sind und sich nicht so auskennen?“ Trotzdem möchte Anne Frauen ausdrücklich ermutigen: „Kommt her – es macht Spaß!“

Solly (57): „Fußball verbindet – und bei Holstein ist man schnell Teil einer Gemeinschaft“

Seit 2014 ist Solly Holstein-Fan und steht gemeinsam mit ihrem Sohn immer auf der Westtribüne. „Nur einmal, bei der Zweitligarelegation 2015, standen wir auf der nicht-überdachten Betontreppe von der alten Osttribüne im Regen“, erinnert sich Solly lachend. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang damals noch nicht. „Als sie 2017 wieder so erfolgreich waren, habe ich gesagt: Wenn sie den Aufstieg schaffen, spendiere ich uns Dauerkarten“, erzählt Solly. So ist es auch gekommen.

Heute ist sie eines der Gründungsmitglieder des Fanclubs „Tüünlüüd“. Entstanden ist die Gruppe 2019 aus einer gewachsenen Gemeinschaft auf der Tribüne. „Wir haben ohnehin immer mit einer Gruppe zusammengestanden. Irgendwann haben wir uns entschieden, einen offiziellen Fanclub zu gründen.“ Aus den damals 14 Fans ist mittlerweile eine Gemeinschaft von 29 Mitgliedern geworden, darunter acht Frauen. „Wir haben mittlerweile auch eine Frau, die unsere Fahne schwenkt“, freut sich Solly über die wachsende Zahl an Frauen in der Fanszene.

Lange Auswärtsfahrten, etwa nach München oder Karlsruhe, schrecken Anne, Sarina und Solly nicht ab. Einige Stadien sind im Gästebereich noch nicht auf eine größere Zahl weiblicher Fans eingestellt. „Da gibt es Nachholbedarf bei den Toiletten, aber auch am Einlass.“

Der Fußball schafft dafür immer wieder besondere Momente. Ein Erlebnis aus Stuttgart ist der 57-jährigen besonders im Gedächtnis geblieben: „Abends habe ich zufällig einen Bekannten getroffen. Wir wussten nicht voneinander, dass wir beide regelmäßig zu Holstein fahren. Einfach faszinierend, Fußball verbindet.“

Sarina (54): „Frauen stehen genauso leidenschaftlich in der Kurve wie Männer“

„Als mein Sohn mich damals gefragt hat, ob ich mit ihm zu einem Spiel von Holstein Kiel gehe, dachte ich zuerst: ‚Was soll ich da?‘“, erinnert sich Sarina an ihren ersten Besuch im Holstein-Stadion 2013. Doch die Atmosphäre und die netten Leute haben sie derart überzeugt, dass sie sich direkt eine Dauerkarte in Block I besorgte, den sie seither als ihr zweites Zuhause bezeichnet. „Ich habe von Anfang an gemerkt: Das ist mein Verein. Die Leute, das Stadion – das ist so urig und man ist so dicht dran am Geschehen.“ Wie tief diese Verbundenheit inzwischen geht, zeigt auch ein besonderes Geschenk: Zu ihrem 50. Geburtstag bekam Sarina ein Tattoo mit Bezug zum Verein – seitdem begleitet Holstein Kiel sie auch auf ihrem Unterarm.

Zu den unvergesslichen Momenten gehören für sie natürlich die Aufstiege der Störche. „Als Marvin Ducksch damals das Tor gemacht hat, mussten alle Emotionen raus“, erzählt Sarina und gesteht, dass sie damals sogar ein Stück Rasen aus Großaspach als Erinnerungsstück mitgenommen hat.

Wie Anne und Solly folgt Sarina ihrem Verein auch bei Auswärtsspielen quer durch Deutschland. „Da trifft man immer wieder dieselben Holstein-Verrückten“, sagt sie. Gemeinsam mit den Mitgliedern ihres Fanclubs „Legionäre“, zu dem je zehn Frauen und Männer gehören, reist sie regelmäßig zu den Spielen.

Der Zusammenhalt im Fanclub ist für sie etwas Besonderes. „Wenn mal jemand nicht mitfahren kann, machen wir Videobotschaften für die Person“, erzählt Sarina. „Wenn einer nicht dabei ist, fehlt wirklich ein Teil.“

Dass immer mehr Frauen ins Stadion kommen, freut sie sehr. „Ich feiere es, wenn Frauen im Stadion sind. Wir sind genauso lautstark am Schreien und geben alles, sodass man abends heiser nach Hause geht.“ Besonders begeistert ist sie davon, dass es in Block I inzwischen auch eine junge Trommlerin gibt. Das komme nicht bei allen Fans gleichermaßen gut an.

Anne, Solly und Sarina können das nicht nachvollziehen. Für sie steht fest: Leidenschaft für den Fußball kennt kein Geschlecht. Gleichzeitig sind alle drei dankbar für die Vorreiterinnen, die den Weg bis hierher für die Gleichberechtigung geebnet haben – damit sie heute ihrer Leidenschaft für den Fußball nachgehen können.

Anne, Solly und Sarina (v. l.) verfolgen die Heimspiele von Holstein Kiel von der Westtribüne aus.
Der Doppelhalter des Fanclubs „Tüünlüüd“ ist im Stadion natürlich immer dabei.

Hier gibt's noch mehr frische News