Als Holstein Stuttgart aus dem Pokal warf

Eberhard „Ebbi“ Gräf (81) absolvierte von 1966 bis 1975 204 Pflichspiele für die KSV Holstein und erlebte am 13. Dezember 1970 als beinharter und wieselflinker Verteidiger die Pokalsensation gegen den VfB Stuttgart als Stütze der Störche mit. Auch heute ist „Ebbi“ als Glücksbringer live dabei, wenn die Mannschaft von Trainer Marcel Rapp alles daransetzt, die Schwaben erneut aus dem Pokal zu werfen.

„Ebbi“ Gräf (geb. 18. November 1944 in Erfurt) verdankt seine tolle Holstein-Karriere eigentlich seiner Großmutter, die ihn im zarten Alter von knapp drei Jahren – sein Vater war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt – in den Westen nach Kiel holte und ihm eine sehr, sehr glückliche Jugend ermöglichte. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass „Ebbi“ Gräf seit jeher mit einem Lächeln durchs Leben geht. Fußballerisch auf den Straßen zwischen dem Blücherplatz und Adolfplatz mitten in den Trümmerfeldern der Stadt groß geworden, überredete ihn sein Freund Dieter Schmiedel 1956 zum Wechsel vom Kieler SV zu den Störchen, bei denen er bereits zehn Jahre später als echtes Eigengewächs seinen ersten Vertrag in der zweitklassigen Regionalliga-Mannschaft unterschrieb. In seiner bis 1975 währenden Holstein-Laufbahn war der Diplom-Betriebswirt und ehemalige Immobilienmakler mit den Störchen zwar immer ganz oben mit dabei, aber zum Erreichen der Bundesliga-Aufstiegsrunde reichte es für „Ebbi“ und die KSV Holstein nach 1965 nicht mehr. Dennoch erwarb sich Gräf als rustikaler Verteidiger mit seiner Schnelligkeit und ausgeprägten Kondition einen sehr guten Ruf – seine Flankenläufe waren beim Gegner gefürchtet. Bis heute verfolgt der inzwischen 81-Jährige das Geschehen rund um die Störche intensiv und ist in Holstein-Gesprächsrunden auf „seinem“ Blücherplatz noch immer ein gefragter Mann. Wir sprachen mit „Ebbi“ dort, wo es für ihn mit dem Fußbalspielen einst begann.

„Ebbi“, hier am Kieler Blücherplatz fing für Dich vor über 70 Jahren alles mit dem Fußball an, erzähl doch mal…

Ja, das ist hier tatsächlich das Herz meiner Kieler Heimat. Ich wohnte als kleiner Junge gleich nebenan und nach dem Krieg gab es außer dem Fußball keine großen Freizeitbeschäftigungen. So haben wir damals den Blücherplatz als unser Revier auserkoren und unserem Bewegungsdrang setzte eigentlich nur der wöchentlich zweimalige Wochenmarkt eine Grenze. Wir haben immer mit den Füßen gescharrt und standen mit der Pille in der Hand in den Startlöchern, um pünktlich zum Marktende um 13 Uhr das Revier zu übernehmen. Die Mauer, auf der wir das Tor aufgezeichnet hatten, ist heute immer noch da. Der Fußball hat uns Kinder von der Straße weggeholt. Und ich bin mein ganzes Leben lang nie hier weggekommen und wohne weiterhin gleich um die Ecke.

Du bist in einer Zeit groß geworden, in der Holstein in der erstklassigen Oberliga Nord spielte. Welchen Stellenwert hatte die KSV damals in der Stadt?

Holstein hatte damals bei anderen Clubs in der Gegend nicht immer den besten Ruf, einige Funktionäre waren doch vielleicht etwas zu arrogant. Für mich war Holstein aber natürlich immer mein Leben, das ist es irgendwie noch bis heute. Man kann sich das gar nicht mehr so richtig vorstellen, wenn zu Spitzenspielen über 20.000 Zuschauer zum Holsteinplatz rannten, da war gefühlt ganz Kiel auf den Beinen. Schade war es natürlich, dass wir 1967, 1970 und 1971 nur um jeweils ein Tor die Bundesliga-Aufstiegsrunde verpasst haben. Vor allem unter Trainer Peter Ehlers waren wir in einer tollen Verfassung, vielleicht unsere beste Zeit. Für mich war Ehlers der beste Trainer, den ich je erlebt habe. Als Spieler war er ohnehin immer eine großartige Persönlichkeit gewesen.

Gegen diese Mauer auf dem Kieler Blücherplatz kickte Gräf schon Ende der 40er Jahre als kleiner Junge.
Eberhard Gräf 1969 im KSV-Trikot im Stadion am Flugplatz.

Vor elf Jahren gab es anlässlich des Spiels gegen Stuttgart ein Treffen der erfolgreichen 1970er-Pokal-Mannschaft, auch Peter Ehlers lebte damals noch. Erinnerst Du Dich an den Tag noch?

Ganz sicher! Es war ein schöner Sommertag und die Wiedersehensfreude war riesig. Da merk ich dann doch, dass die Zeit rennt. Viele haben uns in den letzten zehn Jahren verlassen, allen voran Clublegende Ehlers. Auch an das Spiel erinnere ich mich noch gut. Trotz einer Führung durch Kapitän Czichos hatte der VfB damals die Nase knapp vorn. Da war sicher etwas mehr drin.

Heute Abend gastiert der VfB Stuttgart erneut im Holstein-Stadion und Du bist natürlich live dabei. Wie groß ist die Vorfreude bei Dir?

Erst einmal ist es eine tolle Sache, dass ich zusammen mit meinem damaligen Mitspieler Uwe Krüger dabei sein darf. Wir freuen uns sehr über die Einladung der KSV. Da werden sicher Erinnerungen wach an unsere Schlachten früher. Es war in den 60er Jahren eine große Sache, als wir im DFB-Pokal Bundesliga-Clubs wie Stuttgart oder Hannover besiegt haben. Kiel war damals ein ganz heißes Pflaster für Erstligisten.

Was muss heute passieren, dass Holstein zum dritten Mal nach 1941 und 2021 der Sprung in das Pokal-Halbfinale schafft?

Wenn heute Abend unsere beiden damaligen Torschützen Uwe Krüger und Uli Hoffmann dabei wären, würde es sicher klappen (lacht!). Aber Spaß beiseite, wir alle drücken von der Tribüne aus fest die Daumen. Ich hoffe nach der Pleite gegen Fürth, dass es ein wahrhaftiges Aufbäumen geben wird. Als Spieler weiß man in der Regel, was die Stunde geschlagen hat. Wenn dann noch ein derart namhafter Gegner auf dem Rasen steht, dann hat man eine zusätzliche Motivation und muss gar nicht mehr viel nachdenken. Grundsätzlich hat ein Zweiligist immer eine Chance. Klar ist aber auch, dass dann alle fußballerischen Parameter und natürlich auch die Einstellung stimmen müssen. Glück gehört im Pokal immer dazu. Ich lege mich da fest, wir haben heute Abend eine Chance!

„Ebbi“, Du spielst seit jeher sehr gerne Schach, einmal hat Dich das den Einsatz in einem Pokalspiel gekostet…

Das war tatsächlich so. Unter Trainer Rudi Fassnacht herrschten von 1966 bis 1968 raue Sitten. Vor Heimspielen mussten wir um 22 Uhr zuhause sein und durften auch danach nicht einmal ein Bier trinken. Eines Tages an einem Samstagabend, Trainer war inzwischen Edu Preuß, war ich zum Schachspielen bei einem Freund in Schönberg. Es wurde immer später und ich bin dann letztlich doch nach Hause gefahren. Am nächsten Morgen berichtete meine Großmutter, dass am Abend vorher pünktlich um 22 Uhr ein Mann bei ihr geklingelt und nach mir gefragt hätte. Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, wer das gewesen sein sollte. Erst als ich dann am Holsteinplatz von Trainer Preuß ins Geschäftszimmer gebeten wurde, klärte sich alles auf. Er hatte uns Spieler am Vorabend kontrolliert, ob wir uns an die Regeln halten würden. Die Folge war, dass ich 120 Mark Strafe zahlen musste und vom Vorstand für zwei Spiele gesperrt wurde. Das war zusätzlich bitter, denn dadurch verpasste ich ein sehr lukratives Pokalspiel. Das Ganze hat mir damals das Schachspielen etwas verhagelt, muss ich sagen.

Danke für das Gespräch „Ebbi“ und Dir heute Abend viel Spaß mit Deinen Jungs heute auf der Tribüne!

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