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Jüdische Sportlerinnen und Sportler besuchen die Tribüne des Holstein-Platzes (um 1930). Die meisten lebten damals vermutlich in Kiel. Ob unter ihnen auch Mitglieder der KSV waren, ist nicht sicher zu ermitteln. Fast alle konnten nach 1933 emigrieren. Zwei von ihnen wurden in Auschwitz ermordet. (Foto aus: Bettina Goldberg: Abseits der Metropolen. Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein. Neumünster 2011)

Zum Holocaust-Gedenktag: Antisemitismus in der KSV?

In diesem Artikel findet Ihr zunächst einen Gastbeitrag von Historiker Jürgen Weber zum Thema „Antisemitismus in der KSV“ und anschließend Informationen über den Erinnerungstag im deutschen Fußball anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar.

Gastbeitrag von Historiker Jürgen Weber

Zum Umgang mit der Geschichte unseres Vereins gehört auch die Beantwortung der Frage, ob und inwieweit die KSV Holstein an der gesellschaftlichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung in Kiel beteiligt war. Wie antisemitisch war der Verein? Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist ein guter Anlass, das zu beleuchten. Die Forschungen im Rahmen des 125. Jubiläumsjahrs der KSV haben dazu einiges zu Tage gefördert. Historiker Jürgen Weber berichtet in seinem Gastbeitrag.

Im Mai 1947 fuhr Reuven Golan, ein nach Palästina ausgewanderter in Kiel geborener Jude, von Bergen-Belsen nach Kiel. In dem ehemaligen Konzentrationslager (KZ) arbeitete er im Auftrag der Jewish Agengy, um sich um Juden, die überlebt hatten, zu kümmern. Mit einem Jeep der britischen Armee machte er sich auf die Reise in seine Geburts- und ehemalige Heimatstadt. Er hatte sich entschlossen, sich mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Als er noch in Kiel lebte und bevor er emigrieren musste, trug er den Namen Kurt Goldmann. In Kiel angekommen fuhr er durch eine in weiten Teilen zerstörte Stadt und besucht Plätze seiner Kindheit und Jugend. Darüber berichtet er:

„Ich kann nicht darauf verzichten, zum Sportplatz von Holstein Kiel zu gehen, auf dem ich jahrelang als Mitglied der Knaben- und Schülermannschaft Fußball und Handball gespielt habe. Leider ist der Zugang zum Platz versperrt, und ich fahre zum ‚Schloßhof‘,(heute: Metro-Kino) dem Vereinslokal von Holstein Kiel. 1932 legte man mir nahe, den Verein zu verlassen, da auch Holstein Kiel ‚judenrein‘ sein wollte. Damals war ich begeisterter Anhänger dieses Vereins gewesen und gab mein Bestes als Verteidiger der Fußballschülermannschaft. Da ich Geige und Trompete spielte, war ich auch Mitglied des Vereinsorchesters und nahm an den alljährlichen Weihnachtsfeiern und Konzerten teil… Dem wurde 1932 ein Ende gesetzt. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich den Leitern nie verziehen, daß sie mich aus ihrem Verein gewiesen haben.“

Kurt Goldmann wurde im Sommer 1925 Mitglied der KSV Holstein und sieben Jahre später aus dem Verein gedrängt. Diese eindrucksvolle Quelle spricht für sich und gibt einen Hinweis auf das Klima in Teilen der bürgerlichen Kieler Stadtgesellschaft im Jahr vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. In den monatlich erscheinenden Mitgliederheften des Vereins finden sich zwar keine Hinweise auf einen Ausschluss von jüdischen Vereinsmitgliedern. Und in der Satzung der KSV gab es auch keinen sogenannten „Arierparagraphen“, der die Mitgliedschaft von jüdischen Sportlerinnen und Sportlern im Verein prinzipiell ausschloss wie z.B. in vielen Kieler studentischen Verbindungen. In den Veröffentlichungen des Vereins vor und unmittelbar nach dem Machtantritt der NSDAP finden sich reichlich nationalistische und völkische Beiträge, aber keine explizit antisemitischen Texte.

Ostern 1924 spielt Holstein gegen den europäischen TOP-Club Makkabi Brünn. In der Anzeige für das Spiel, die die KSV geschaltet hatte, hieß es: „Makkabi ist eine tschechische Mannschaft, doch, ihrer Zusammensetzung nach, eine rein ungarische Elf“. Dass es tatsächlich eine jüdische Elf war, wurde verschwiegen.

Verdrängung von jüdischen Mitgliedern

Es hat dennoch unzweifelhaft eine Ausgrenzung und Verdrängung von jüdischen Vereinsmitgliedern stattgefunden, ohne dass es dazu eine propagandistische Begleitung gab. Angesichts der Tatsache, dass es in der Vereinsführung z.B. mit dem späteren stellvertretenden Vorsitzenden Karl Künzel auch schon vor 1933 aktive NSDAP-Mitglieder gab und der Jugendleiter Richard Volkmer ausgeprägt im nationalsozialistischen Sinne tätig wurde, verwundert das nicht.

Wie viele jüdische Mitglieder können betroffen gewesen sein? Vollständige Mitgliederlisten des Vereins existieren nicht mehr. Mittlerweile recherchiert sind Holstein-Mitglieder in den 1920er Jahren aus den jüdischen Familien Vinzelberg, Herzberg, Rosenblum und Goldmann. Alle hatten bereits vor 1933 den Verein wieder verlassen bzw. verlassen müssen. Die jüdische Gemeinde in Kiel hatte damals ca. 600 Mitglieder, von denen nur etwa die Hälfte sog. ‚deutsche Juden‘ waren, die als Teil der bürgerlichen Stadtgesellschaft vor 1933 angesehen werden können. Diese Teilgemeinde war auch noch sehr überaltert. Zudem gab es in Kiel einen jüdischen Turnverein, in dem zumindest zeitweise auch Fußball gespielt wurde. Die Sozialstruktur der jüdischen Gemeinde – viele Mitglieder hatten einen kaufmännischen oder akademischen beruflichen Hintergrund – deckte sich durchaus mit derjenigen der KSV. Holstein wird für sport-, v.a. fußballbegeisterte jüdische Kinder und Jugendliche eine favorisierte Adresse gewesen sein. Groß kann die Zahl der jüdischen Vereinsmitglieder aber dennoch nicht gewesen sein. Sicher feststellen können wir, dass kein Ligaspieler oder Kicker der „Ligareserve“ einen jüdischen Hintergrund hatte.

Das Hinausdrängen von Juden, wohl weitgehend jugendlichen, aus dem Verein erfolgte sukzessive und individuell. Man nötigte erfolgreich zum Austritt. Einzelne Personen aus der Vereinsführung sowie Spartenleiter oder Mannschaftsverantwortliche werden selbständig gehandelt haben. Es bedurfte keiner spektakulären Maßnahmen, um jüdische Mitglieder loszuwerden, die im Einzelfall im Verein auch nicht unumstritten gewesen wären. Man wird bei Vorgängen wie dem von Reuven Golan beschriebenen annehmen dürfen, dass es dafür eine grundsätzliche Zustimmung bei den Vereinsverantwortlichen gab – sei es aus einem allgemein antisemitischen Grundkonsens heraus, weil sich im Verein nationalsozialistische Haltungen bereits durchzusetzen begannen oder einfach nur aus opportunistischer Anpassung heraus.

So wenig, wie offener und sichtbarer Antisemitismus vor 1933 im Verein in den überlieferten Quellen dokumentiert ist, ebenso wenig ist überliefert, dass irgendjemand im Verein sich dem Hinausdrängen von jüdischen Mitgliedern entgegenstellte, als es noch möglich war.

Kriegsverbrecher Bruno Holling

Ein besonders dunkles Kapitel der Vereinsgeschichte ist mit dem Namen Bruno Holling verbunden. Bereits im Frühjahr 1933 beschloss die KSV Holstein die Einrichtung einer Wehrsportgruppe als neue Abteilung im Verein. Das war zum einen eine vorauseilende Verbeugung vor den neuen NS-Machthabern, entsprach zum anderen aber auch den Anschauungen verantwortlicher Akteure im Verein. Zum Abteilungsleiter machte man den Polizeioffizier Holling. In seinem Begrüßungsstatement schrieb er an die Vereinsmitglieder: „Wir Holsteiner lieben es nicht, in der Etappe zu bleiben, wir wollen an die Front“.  Dass der militaristisch-kriegerische Tonfall im Zusammenhang mit dem Wehrsport allen im Verein gefallen hat, kann vielleicht bezweifelt werden. Ihn als notwendige Maßnahme der Anpassung an das neue Regime zu akzeptieren und umzusetzen, wurde aber von allen als selbstverständlich oder zumindest unumgänglich angesehen und letztlich einstimmig beschlossen. 

Der Holsteiner Bruno Holling, Mitglied der NSDAP und der SA, später auch der SS, sollte dann später eine schreckliche Rolle in der Besatzungspolitik im Osten während des Zweiten Weltkriegs spielen. Holling wurde Major der Schutzpolizei und war ab Juni 1941 Kommandeur des Polizei-Bataillons 310, das in Weißrußland an Deportationen und Massen-Erschießungen von Juden beteiligt war. Holling konnte für seine Taten nach dem Weltkrieg nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Er starb in einem Kriegslazarett in Russland. In der Vereinszeitung der KSV vom April 1943 wird er in einer Todesanzeige mit dem Text gewürdigt: „Er starb den Heldentod im Kampfe für Großdeutschland und Europas Lebensrecht“. Auch noch in dem Band „50 Jahre Holstein Kiel“ aus dem Jahr 1950 wird ihm mit anderen gefallenen Holsteinern des Zweiten Weltkriegs unter der Überschrift „Wir stehen in Ehrfurcht vor ihren Gräbern“ gedacht.

Mit der im letzten Jahr erschienen Holstein-Chronik haben wir auch dieses Kapitel der Vereinsgeschichte beleuchtet. Geschichte verträgt weder eine Verengung auf wenige Aspekte noch ein Ausblenden von Geschehnissen, die Teil der Bewältigung unserer Geschichte sind. Lernen setzt Wissen Wollen voraus! Heute ist die KSV ein demokratischer und geschichtsbewusster Verein, der sich gegen menschenfeindliche, intolerante und totalitäre Ideologien und Akteure engagiert. 

(Jürgen Weber)

Jürgen Weber ist Ur-Holsteiner, jahrzehntelanger Aufsichtsrat, Historiker und gehört zum Team der Vereinschronik “125 Jahre Holstein Kiel”.

Über den Erinnerungstag im deutschen Fußball

Auch in dieser Saison unterstützen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und die Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga den „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ rund um den 27. Januar 2025 (19. & 20. Spieltag der Saison 2025/26) der Initiative „Nie Wieder“. Das Motto in diesem Jahr lautet: „Demokratie verteidigen – Lernen aus der Geschichte des Fußballs“.

Demokratie verteidigen – Lernen aus der Geschichte des Fußballs

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Jedes Jahr rund um diesen Tag gedenkt der deutsche Fußball gemeinsam mit der Initiative „Nie wieder“ der im Nationalsozialismus verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen.

Sport und Fußball – nie unpolitisch

Das NS-Regime hat sich den Sport auf unterschiedliche Weise zu Nutze gemacht. Sport sollte unter anderem Arbeitsmoral und Kriegstüchtigkeit steigern und die Freizeitgestaltung normieren. Vor allem diente der Sport als Propagandamittel. Die Olympischen Spiele vor 90 Jahren waren das sportliche Großereignis schlechthin, das die Nazis dafür nutzten, ihre Macht zu demonstrieren und ihre Ideologie zu verankern – weit über Deutschland hinaus.

Auch der deutsche Fußball mit seinen englischen Wurzeln und seinen vielen jüdischen Pionieren wie Walther Bensemann, der im Jahr 1900 an der Gründung des DFB beteiligt war und 1920 den „kicker“ ins Leben rief, war nicht immun gegen den nationalsozialistischen Hass. Im Gegenteil: Viele Vereine wirkten an der Entrechtung jüdischer Bürger aktiv mit – obwohl die NS-Führung dies im Sport mit Rücksicht auf die Olympischen Spiele 1936 zunächst nicht forcierte. Es bedurfte vielerorts also nicht einmal von oben verordneter Gleichschaltung. Selbst für Nationalspieler wie Julius Hirsch, der mit dem von Bensemann gegründeten Karlsruher FV 1910 Deutscher Meister wurde, war in ihrem Sport kein Platz mehr. Hirsch wurde in Auschwitz ermordet.

Viele führende Sportfunktionäre blieben trotz alledem nach 1945 in ihren Ämtern. Mehr als ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis Vereine und Verbände mit der Aufarbeitung ihrer Rolle während der NS- Zeit begonnen haben.

Was hat das heute mit uns zu tun?

All dies zeigt: Politische Neutralität des Sports ist eine Fiktion. Sportvereine sind per Organisationsform politische Institutionen, denn sie basieren auf demokratischen Grundwerten, leben von Mitbestimmung und Gleichberechtigung.

Der Blick in die Geschichte zeigt: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Und fast immer, wenn die Demokratie unter Druck gerät, geht dies einher mit antisemitischen Tendenzen. Der Fußball mit seiner Strahlkraft trägt Verantwortung, unsere demokratischen Werte zu leben und zu verteidigen. Aktives Gedenken bedeutet daher gelebte Solidarität mit Jüdinnen und Juden, auch und gerade dann, wenn dies – wie derzeit – Courage und Haltung erfordert. 2026 gilt umso entschlossener die Botschaft der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz: „Nie wieder!“

„Nie wieder“ ist jetzt. Und immer.

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