Am heutigen Sonntag feiert Schleswig-Holstein seinen 80. Geburtstag. Das Land zwischen den Meeren hat in dieser Zeit zahlreiche Veränderungen erlebt und präsentiert sich heute als weltoffenes und überaus beliebtes Bundesland. Für viele Menschen im „Echten Norden“ gehört natürlich auch der Fußballsport zu einem nicht unwesentlichen Bestandteil des kulturellen Lebens.
Acht Jahrzehnte Fußball im Land zwischen den Meeren
Als vor 80 Jahren Kriegsdepression und Trümmerlandschaften der neuen Lebenslust der Menschen wichen, war der Fußball der ideale Kitt im wiedererwachenden Treiben von Kultur und Sport. In Schleswig-Holstein, wo sich rund eine Million Flüchtlinge und Vertriebene niederließen, hatte ein ungewöhnlich harter und langer Winter die Spielfelder Schleswig-Holsteins im Frühjahr 1946 für Wochen lahmgelegt. Und auch die Restriktionen seitens der britischen Militärregierung behinderten das sportliche Treiben erheblich. Doch letztlich endeten 1947 alle Beschränkungen. Überall im Land wurde wieder Fußball gespielt, die Zuschauerzahlen schossen in die Höhe. Zur Saison 1947/48 war beschlossen worden, eine norddeutsche Oberliga einzurichten. Für Schleswig-Holstein waren zwei Plätze vorgesehen. Für die Kieler Störche, 1943 noch Dritter der Deutschen Meisterschaft, stand also nichts Geringeres als die Zugehörigkeit zur ersten Liga auf dem Spiel. Trotz Niederlagen in Itzehoe und Lübeck schafften die Störche hinter dem VfB letztlich die Qualifikation.

In der erstklassigen Oberliga sorgten abgesehen von Altmeister Holstein, der durchschnittlich fast 10.000 Zuschauer und am Karfreitag 1951 gegen den HSV sogar 28.000 Fans begrüßen durfte, streckenweise auch der VfB Lübeck und VfR Neumünster für Glanz. Andere Traditionsclubs wie Phönix Lübeck, der Heider SV und der Itzehoer SV waren fußballerisch überfordert und durften sich nur kurz über Erstligafußball freuen. Ihren sportlichen Zenit erreichten die Störche 1953 mit der norddeutschen Vizemeisterschaft, womit sie erstmals seit 1943 wieder in die Endrunde um die „Deutsche“ einzogen. Als dann der Deutsche Fußball-Bund 1963 die Bundesliga als höchste Spielklasse einführte, endete das Kapitel Erstklassigkeit für unglaubliche 61 Jahre. Immerhin repräsentierte zwischenzeitlich das Frauenteam des Schmalfelder SV das Land Schleswig-Holstein fünf Jahre lang in der Ersten Bundesliga.

Das Tor zur Bundesliga blieb für die etablierten Top-Vereine Holstein Kiel und VfB Lübeck, die 1965 bzw. 1969 jeweils in der Bundesliga-Aufstiegsrunde scheiterten, stets verbarrikadiert. Der Fußball in der Landeshauptstadt und in der Hansestadt wurde genau wie an den anderen Standorten fast nur noch regional wahrgenommen. Für die Schleswig-Holsteiner wurde der Hamburger SV um Stürmerstar Uwe Seeler so etwas wie Aushängeschild und „Ersatzreligion“.

Zwischen Nord- und Ostsee sanken nun die Zuschauerzahlen rasant, auch das sportliche Niveau reichte bei weitem nicht für höhere Ansprüche. Schleswig-Holstein entwickelte sich zu einem regional verankerten Amateurfußball-Standort, in dem Duelle wie VfB Lübeck gegen Phönix Lübeck, Schleswig 06 gegen Flensburg 08, Heider SV gegen Itzehoer SV oder auch Kilia Kiel gegen den VfB Kiel durchaus mehrere tausend Zuschauer anlocken konnten – Fußball-Romantik pur. Dort einzuordnen wäre auch der Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft 1961 durch die 2. Mannschaft der KSV Holstein. Als Persönlichkeiten ragten in den vergangenen 80 Jahren Spieler wie Willi Gerdau vom Heider SV, der 1957 als bis heute letzter Spieler eines SH-Clubs deutscher Nationalspieler wurde oder das bis heute erfolgreichste Nordlicht aller Zeiten, Ex-Storch Andreas Köpke, heraus. Nicht zu vergessen, Holstein-Rekordspieler und SHFV-Ehrenpräsident Peter Ehlers.

Ansonsten sorgten DFB-Pokalspiele wie VfB Lübeck gegen 1860 München (0:1) 1968 vor 17.000 Fans, TSV Westerland gegen Borussia Dortmund (0:4) 1970 vor 13.000 Besuchern im Nordfrieslandstadion in Leck, TuS Hoisdorf gegen den FC Bayern München (0:4) 1988 vor 20.000 Fußball-Freunden an der ausverkauften Lübecker Lohmühle oder erst 2024 die 1:4-Niederlage des Regionalligisten Phönix Lübeck vor 51.000 Schaulustigen im Hamburger Volksparkstadion gegen den BVB für Aufsehen. Auch das traditionsreiche LOTTO MASTERS in der regelmäßig ausverkauften Kieler Ostseehalle besitzt höchsten Unterhaltungswert. Doch das alles kann über die sportliche Lücke zwischen Schleswig-Holstein und den längst im Profitum verankerten Großclubs nicht hinwegtäuschen. Auch wenn man in den letzten zwei Jahrzehnten ambitionierten Vereinen wie VfR Neumünster, Weiche Flensburg, SV Eichede, TSV Schilksee, Eutin 08, Holstein Kiel II, Phönix Lübeck, Kilia Kiel oder zuletzt auch dem SV Todesfelde für ihre Regionalliga-Erfolge Anerkennung zollen muss, für die Ehrrettung des „Echten Nordens“ mussten die beiden leistungsstärksten Clubs des Landes, Holstein und VfB Lübeck, in die Bresche springen.

Legten die Störche Ende der 1970er Jahre bereits ein zumindest anfangs rauschhaftes Intermezzo in der 2. Liga Nord hin, schaffte es 1995 der VfB unter Trainer Michael Lorkowski erstmals in die eingleisige 2. Bundesliga. Den beiden Zweitligajahren von 1995 bis 1997 ließen die Grün-Weißen von 2002 bis 2004 zwei weitere Spielzeiten im Bundesliga-Unterhaus folgen. 2004 gelang sogar – genau wie Holstein Kiel in der Saison 2020/21 – der Sprung in das DFB-Pokal-Halbfinale. Vom anschließenden Abstieg indes erholte man sich an der Lohmühle nie mehr so richtig.

So mussten rückblickend letztlich übersinnliche Kräfte herhalten, um das Land zwischen den Meeren doch noch in die Phalanx des ganz großen Fußballs eindringen zu lassen. Bescherte der viel zitierte Geist von Malente und die überaus trist-inspirierende Trainingsatmosphäre in der legendären Sportschule Deutschland 1974 und 1990 zwei Weltmeistertitel, so dürfte auch der sagenumwobene Holsteingeist seine Hände im Spiel gehabt haben, als die Kieler Störche als allererster Verein des Landes im Mai 2024 unter Marcel Rapp den Bundesliga-Aufstieg feiern durften. Ereignisse, die sich tief in das Selbstverständnis des beschaulichen Bundeslandes eingebrannt haben und vor allem den Deutschen Meister von 1912 aus Kiel endgültig zu einem Verein für ganz Schleswig-Holstein werden ließ.

Quellen:
Jessen, Christian: Von Malente, Meistern und den Meeren. (2022)
Nawe, Patrick (Hrsg.): 125 Jahre Holstein Kiel. (2025)