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Geschichte und Geschichten: Vor 100 Jahren – Holstein wieder die Nummer 1 im Norden

Vor 100 Jahren war der deutsche Fußball noch weit von einer nationalen Fußballliga entfernt. Als die Saison 1925/26 begann, gab es im Norden sechs sogenannte Bezirksligen – teilweise sogar noch unterteilt – als höchste Spielklassen, deren Titelträger den Norddeutschen Meister in einem Endrundenturnier ausspielten. In dieser Saison wurde zum 20. Mal ein neuer Nordmeister gesucht – der abermals in die Endrunde um die „Deutsche“ einzog.

Haushoher Favorit war der HSV, der seit dem Ersten Weltkrieg mit einer Ausnahme jedes Jahr den Titel geholt hatte. „Sie scheinen den Titel in Erbpacht zu haben“ mutmaßte die Vereinszeitung der KSV Holstein. Der Deutsche Meister von 1912 hatte mehrere vergebliche Anläufe unternommen, wieder die Nummer Eins im Norden zu werden, musste sich aber immer mit dem Platz hinter dem HSV begnügen. In der Saison 1925/26 gelang den Störchen wie meist ein sehr guter Start. Durch die Fördestaffel der Bezirksliga Schleswig-Holstein marschierte die KSV ungeschlagen mit 20:0 Punkten. Im Schleswig-Holstein-Finale schlugen sie den in der parallelen Eiderstaffel siegreichen alten Kieler Rivalen FC Kilia mit 5:1. In der Qualifikation zur Endrunde war dann der Meister des Bezirks Lübeck/Mecklenburg, der LBV Phönix, gegen die Kieler beim 4:1 ohne Chance. 

Sieg am Rothenbaum

Nun standen vier Spiele in der Schlussrunde an. Dort traf Holstein je zweimal auf Hamburger (HSV und Altona 93) und Hannoveraner Clubs (Arminia und HSC). Das vorentscheidende Top-Spiel wurde in Hamburg am Rothenbaum vor 16.000 Zuschauern ausgetragen. Holstein war von Beginn an die spielbestimmende Mannschaft, vergab jedoch eine Vielzahl von Torchancen. Schließlich endete die Partie durch zwei Elfmetertore 1:1 unentschieden. Die Enttäuschung auf Kieler Seite war trotz der guten Leistung groß. Sollte der Griff nach der Meisterschaft wieder am HSV scheitern? Dann aber gab es doch noch die große Chance. Die Hamburger mussten sich in den anderen Partien ein weiteres Mal mit einem Remis abfinden und Holstein hatte es nach Siegen gegen Altona 93 und den Hannoverschen SC am letzten Spieltag gegen Arminia Hannover in der Hand, den Titel vor heimischer Kulisse nach Kiel zu holen. Die Nervosität war den Störchen anzumerken, jedenfalls waren die Gäste in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft und Holstein konnte froh sein, mit einem 1:1 in die Pause zu gehen. Dann aber drehte Holstein auf. Auch ohne den verletzten Nationalstürmer Oskar Ritter setzte die KSV ihre Siegesserie fort und schickte die Arminia mit einem 5:2 vor 8.000 begeisterten Fans zurück an die Leine. Zum ersten Mal seit 1912 war die KSV Holstein wieder die Nummer Eins im Norden. Um das Ganze perfekt zu machen, hatte die Elf auch den Norddeutschen Pokal durch ein 5:1 über Eimsbüttel an die Förde geholt.

Volle Ränge auf dem Holsteinplatz im Spitzenspiel zwischen der KSV und dem HSV im Jahre 1926.

Endrunde Deutsche Meisterschaft

Mit dem norddeutschen Titel ging es für die Störche dann in die Spiele um die Deutsche Meisterschaft. Durch Siege über den Stettiner SC (8:2) und Norden-Nordwest Berlin (4:0) schaffte die KSV es bis ins Halbfinale, wo als Gegner auf neutralem Boden am 6. Juni 1926 – heute vor genau 100 Jahren – in Düsseldorf die SpVgg Fürth wartete. Dem späteren Deutschen Meister musste sich Holstein vor 16.000 Zuschauern im Rheinstadion mit 1:3 geschlagen geben. Die Franken waren über das ganze Spiel gesehen die überlegene Mannschaft und gewannen verdient. Dennoch haderte man im Lager der Kieler, hatten doch die Stürmer Ritter und Schulz in der Anfangsviertelstunde zwei Riesenchancen: ein Pfostentreffen und eine Fürther Rettungstat auf der Torlinie verhinderten die Kieler Führung. Noch ärgerlicher aus Holsteinsicht war allerdings die Leistung des Schiedsrichters, der für Fürth zwei Elfmeter pfiff, die zur 2:0-Führung verhalfen, den Kielern aber mindestens einen „klaren Elfer“ verweigerte. Nach dem 3:0 Mitte der zweiten Halbzeit war das Spiel entschieden. Das einzige Kieler Tor von Oskar Ritter kam zu spät, um dem Spiel eine Wende zu geben. 

Holstein und Barcelona besiegt

Doch gegen das Kleeblatt zu verlieren, war damals sicherlich keine Schande. Der Elf vom Ronhof gelang wenige Monate nach dem Halbfinale-Erfolg gegen die KSV sowie dem Titelgewinn gegen Hertha BSC (4:1) sogar ein sensationeller 1:0-Erfolg beim zuhause schier unbesiegbaren FC Barcelona und half entscheidend dabei mit, den deutschen Fußball nach dem Ersten Weltkrieg wieder international zu etablieren.

1926 schlug der Deutsche Meister aus Fürth nicht nur Holstein sondern auch den FC Barcelona.

Holstein ganz oben dabei

Vor 100 Jahren konnte die KSV also die norddeutsche Meisterschaft, den Einzug in das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft und insgesamt eine der erfolgreichsten Spielzeiten überhaupt feiern. Der Titel im Norden konnte im folgenden Jahr wiederholt werden. Die KSV Holstein war wieder ganz oben in der Elite des deutschen Fußballs angekommen.

Die Nordmeister 1926

1926 wurde Holstein Kiel erstmals seit dem Ersten Weltkrieg wieder Nordmeister. Die Erfolgself (Foto) stehend von links: Kurt Voß, Oskar Ritter, Karl Schulz, Max Slebioda, Hans Klink, Oskar Ohm, Waldemar Lübke, Gabor Obitz. Vorn: August Werner, Torhüter Hans Passenheim, Theodor Lagerquist. Nicht im Bild: Franz Esser und Trainer Franz Linken.

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