Im Sommer 2021 wechselte Patrick Erras von Werder Bremen zu unserer KSV Holstein und mauserte sich nach und nach zu einer Konstante in der Defensive der Störche. Insgesamt lief er in 86 Spielen in Blau-Weiß-Rot auf, doch die Folgen einer Gehirnerschütterung verhinderten schließlich seine Rückkehr auf den Platz. Der 31-jährige Innenverteidiger bleibt als Teil der Aufstiegsmannschaft und Torschütze zum ersten Bundesligasieg der KSV Holstein eng mit der Vereinsgeschichte verknüpft. Zum Abschluss seiner Zeit an der Förde haben wir mit ihm gesprochen und auf seine Zeit in Kiel zurückgeblickt.
Moin Patrick. Wie geht’s dir mittlerweile?
Ja, die Frage habe ich natürlich ein bisschen öfter gehört in letzter Zeit. Leider noch nicht so gut. Ich habe seit der Gehirnerschütterung – im Dezember 2024 war es ja, schon eine lange Zeit her – immer noch Probleme, sodass ich seitdem nicht auf dem Platz stehen konnte und immer noch damit zu kämpfen habe.


Als gebürtiger Oberpfälzer hat es dich also nach Norddeutschland verschlagen. Fünf Jahre lebst du bereits in Kiel und bei deiner Vertragsverlängerung im Februar 2024 meintest du, dass du und deine Familie euch schon sehr wohl hier fühlt. Was gibt dir Norddeutschland und insbesondere Kiel für ein Gefühl?
Ein sehr gutes. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass es hier passt und dass ich mich im Verein, aber auch in der Stadt und allgemein im Norden sehr wohlfühle. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass meine Art hier gut hinpasst. So hat das immer ein bisschen gematcht. Mich hat dann auch gefreut, dass der Verein nochmal verlängern wollte, sodass es für mich eigentlich gar keine Zweifel gab, das nicht zu machen, weil es sportlich auch super lief. Deswegen war das eine super Zeit im Norden für mich.
Dein erster Abstecher im Norden war ja erstmal nach Bremen. Das war nicht die glücklichste Situation, aber dann ging es ja nach Kiel. Kannst du dich noch an damals zurückerinnern, wie das so war, als Holstein Kiel dann auf dich zukam?
Ja, genau. Ein sehr unglückliches Jahr. Ich habe in Bremen wenig gespielt und dann kam die Anfrage aus Kiel. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, habe ich mir gedacht, dass es passen könnte, da Kiel die letzten Jahre immer eine gute Rolle in der Liga gespielt hat und Bedarf auf meiner Position war. In den Gesprächen damals mit Uwe Stöver und mit Ole Werner war ein sehr gutes Gefühl da, sodass ich mich dann – im Nachhinein zum Glück – dazu entschlossen habe, es zu machen.


Es sind jetzt fünf Jahre vergangen. Wie hast du dich selbst persönlich in dem Zeitraum verändert und insbesondere, wie waren jetzt die letzten eineinhalb Jahre für dich?
Ob ich mich verändert habe, weiß ich nicht. Die letzten eineinhalb Jahre waren natürlich schwierig, wenn man gesundheitlich nie so richtig wieder auf die Beine kommt, dass man wieder spielen kann. Das Ziel Nr. 1 von jedem Fußballer ist, auf dem Platz zu stehen. Wenn man es nicht schafft oder es gesundheitlich nicht möglich ist, wieder zurückzukehren, ist es natürlich nicht immer so einfach. Mittlerweile habe ich schon einen besseren Weg gefunden, damit umzugehen. Wenn es nicht anders geht, dann geht es nicht anders. So muss man Wege finden, um das am besten zu lösen und damit umzugehen. Trotzdem ist es sehr schade, wie die letzten Monate oder die letzten eineinhalb Jahre gelaufen sind. Besonders, weil ich gerne für den Verein noch mehr gegeben hätte oder noch öfter auf dem Platz gestanden hätte. Da das nicht möglich war, ist sehr schade.
Du hast zum Ausdruck gebracht, dass du ein Familienmensch bist. Wer waren generell mit der Familie oder auch im Team die wichtigsten Personen für dich?
Allgemein ist die Familie zu Hause extrem wichtig, die einen ablenkt und auf andere Gedanken bringt. Hier im Verein möchte ich Timm Sörensen hervorheben, der gerade in der Anfangszeit, als wir täglich miteinander gearbeitet haben, einen Weg gesucht hat, wie es besser werden könnte. Er hat sich Tag und Nacht Gedanken gemacht, was er noch machen könnte oder was wir verändern könnten. In der Phase war ich sehr froh, dass „Söre“ an meiner Seite war und mich unterstützt hat oder gewisse Ideen hatte. Aber dass wir auch keinen Einfluss auf den Heilungsprozess hatten, daran konnten wir noch nichts ändern. Die Unterstützung durch den ganzen Verein war in der schwierigen Zeit immer herausragend.


In einem anderen Interview hat Andu Kelati erzählt, wie du ihn damals bei seinen Verletzungen auch mit begleitet hast, als Teampartner im Heilungsprozess.
Ich war immer wieder hier und habe Andu viel gesehen. Er hatte natürlich auch schon andere Verletzungen, mit denen ich auch schon mal länger ausgefallen bin. Dann versucht man natürlich auch, einem jüngeren Spieler wie Andu ein paar Tipps zu geben und ihm in gewisser Weise zu helfen. Wenn er das so sagt, dann freut mich das, dass ich ihm da ein bisschen helfen konnte.
Kommen wir jetzt zum sportlichen Teil und vielleicht auch zum Hochpunkt deiner Zeit hier. Das müsste eins deiner Tore gewesen sein… eventuell das gegen Heidenheim?
Ich habe nicht viele Tore geschossen hier, deswegen habe ich alle noch sehr präsent im Kopf. Aber natürlich ist das letzte gegen Heidenheim am präsentesten. Es war ein super Gefühl, das Tor zum ersten Bundesliga-Sieg für Holstein zu schießen. Einmalig, deswegen denke ich noch oft daran oder werde auch oft daran erinnert, wenn ich hier durch die Stadt gehe.

Kannst du uns noch mal ein bisschen mehr in den Moment mit reinnehmen?
Es ist schon lange her, aber ich habe es noch im Kopf. Es war eine Ecke, ich glaube, dann war der zweite Ball noch mal eine lange Flanke, die Max Geschwill quer köpft und der Ball dann mir vor den Kopf fällt und ich dann nur noch einköpfen muss.
Aber es ist bestimmt nicht der einzige Moment, der dir in deiner gesamten Kiel-Karriere in Erinnerung bleibt. Gibt es da noch weitere?
Natürlich der Aufstieg. Auch das Aufstiegsjahr, was wir da für Spiele hatten. Da sind mir alle Spiele noch sehr präsent im Kopf. Gerade das vorletzte Spiel gegen Düsseldorf, wo wir dann unentschieden gespielt haben und es dann für einen Aufstieg gereicht hat. Wie die Fans auf dem Platz laufen, das sind natürlich Erinnerungen, die für immer bleiben. Was mich auch sehr stolz macht, ist, dass wir es geschafft haben, Holstein in die erste Liga zu bringen. Das bleibt auf jeden Fall in Erinnerung. Das kann ich mir noch gut vorstellen.
Kannst du dich noch in die Aufstiegsmannschaft reindenken? Was hat die so ausgezeichnet oder euch untereinander?
Ich glaube, wir hatten eine sehr gute Mischung in der Mannschaft. Sehr erfahrene Spieler: mit Lewis Holtby, mit Steven Skrzybski, mit Timo Becker, mit Calle Johansson. Aber wir haben auch sehr viel frischen Wind bekommen in der Saison mit Spielern wie Shuto Machino und Marko Ivezić. In der Kabine kam sehr viel aufeinander, aber es hat perfekt gepasst. Ich glaube, wir haben die Jungs super integriert in die Mannschaft und haben natürlich dann irgendwann auch so einen Flow entwickelt, den man braucht, wenn man aufsteigen will. Als Mannschaft Spiele gewinnen, das macht natürlich alles ein bisschen leichter. Wenn ich an die Mannschaft denke, war die Mischung einfach herausragend. Und auch Philipp Sander, der uns dann als Kapitän immer wieder gepusht hat. Es hat einfach alles gepasst in dem Jahr.


Für den Verein geht es nächste Saison in der 2. Liga für Kiel weiter. Was traust du der aktuellen Mannschaft und dem Verein in der kommenden Saison zu?
Ich traue dem Verein immer viel zu. Ich habe in den letzten fünf Jahren gemerkt, dass hier extrem gut gearbeitet wird und dass der Erfolg immer an erster Stelle steht. Deswegen traue ich der Mannschaft und dem Verein auch nächstes Jahr zu, dass sie wieder eine gute Rolle spielen. Vielleicht die Saison ein bisschen hinter sich lassen, was auch wichtig ist, und dann mit neuer Energie in die Saison zu starten.
Hast du noch irgendwelche Tipps an die Mannschaft? Woran sie nächste Saison arbeiten müssen? Woran sie festhalten müssen?
Ich glaube, dass sich Arbeit immer auszahlt. Wenn man gut trainiert, spielt man auch gut. Das war nicht das Motto in unserem Aufstiegsjahr, sondern das, was wir gelebt haben. Wir haben immer wenig gemeckert, auch wenn wir einmal mehr laufen, mussten im Training. Wir haben einfach gemacht und das war das Erfolgsrezept.
Wie wirst du Holstein Kiel demnächst weiterverfolgen und wie sieht dein persönliches nächstes Jahr aus?
Unser Lebensmittelpunkt wird wieder in Bayern sein, weil wir dort unsere Familie haben. Aber nichtsdestotrotz werde ich Kiel oft besuchen, immer ein Auge draufhaben und jedes Spiel schauen. In erster Linie bleibe ich ein Riesenfan des Vereins, daher versuche ich, oft vor Ort zu sein und die Stadt sowie den Verein zu besuchen.
Was möchtest du den Fans noch mit auf den Weg geben?
Erst einmal vielen Dank für die Unterstützung. Die Fans waren immer sehr loyal und wussten immer sehr gut einzuschätzen, wie wir gespielt haben. Auch wenn wir verloren haben, konnte man immer das Gespräch mit ihnen suchen. Deswegen in erster Linie vielen Dank für die Unterstützung. In den guten oder auch in den schlechten Zeiten, wie im Abstiegsjahr, wo sie auch immer hinter uns standen. Das ist nicht so selbstverständlich. Deswegen gibt es nur einen großen Dank. Für mich ist es sehr schade, dass ich nicht öfter für die Fans auf dem Platz stehen konnte. Das tut mir ein bisschen weh. Ansonsten habe ich es sehr genossen, vor den Fans im Holstein-Stadion zu spielen.
Was wirst du an Holstein Kiel vermissen?
Ich weiß nicht, vielleicht alles. Natürlich freut man sich auch wieder, in die Heimat zu ziehen. Aber ich habe schon öfter gesagt, dass es ein lachendes und weinendes Auge ist, weil die Zeit hier wirklich superschön war. Nicht nur fußballerisch, aber auch privat hat es mir hier immer super gefallen im Norden. Deswegen ist es ein lachendes und weinendes Auge dabei.
Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir alles Gute, viel Freude und Gesundheit auf deinem weiteren Lebensweg, Paddy!







