Es war genau 11 Uhr, als Tim Walter am Mittwochvormittag erstmals seit Mai 2019 wieder den Trainingsplatz unserer KSV betrat. Rund 100 Holstein-Fans waren zum öffentlichen Training gekommen und sahen, wie der gebürtige Bruchsaler bei seiner Rückkehr ins Storchennest die knapp 105-minütige Einheit mit großem Engagement leitete.
Intensive Einheit zum Start
Nach dem Warm-up standen zunächst Passübungen auf dem Programm, ehe auf kleinem Raum auf vier im Quadrat aufgebaute Tore gespielt wurde. Zum Abschluss ging es im Elf-gegen-Elf aufs Großfeld. Immer wieder unterbrach Walter, der nach seiner ersten Amtszeit in Kiel in der Saison 2018/19 anschließend auch noch für den VfB Stuttgart, Hamburger SV und zuletzt Hull City tätig gewesen war, das Geschehen auf dem Platz, um den Spielern in einem regelmäßigen Wechsel von Deutsch und Englisch Instruktionen mit auf den Weg zu geben. Das unterlegene Team musste noch den einen oder anderen Purzelbaum machen, dann war die erste von zwei Einheiten des Tages geschafft. „Verlieren muss wehtun. Und selbst, wenn es durch die Purzelbäume nur einen kleinen Schwindel auslöst, will man am nächsten Tag weniger verlieren. Natürlich ist das Ganze auch als kleiner Spaß gemeint, aber es soll durchaus die Botschaft vermittelt werden, dass Gewinnen viel schöner ist“, erklärte Walter im Nachgang.



Walter: „Spieler sollen das Vertrauen spüren und initiativ werden“
Er sei auf eine herzliche, offene Mannschaft getroffen, die lernwillig sei und die Bereitschaft zeige, neue Inhalte anzunehmen, berichtete Walter. „Und das haben die Jungs heute schon direkt sehr gut gemacht“, lobte der Fußballlehrer, der seinem Team eine klare Ansprache bieten und Konsequenz vorleben, gleichzeitig aber auch Spaß am Fußball vermitteln will. „Ich möchte die Jungs damit infizieren, dass man viel Freude am Fußball hat, wenn man mutig ist und intensiv agiert. Diese Attitüde legen sie an den Tag. Ich werde alles dafür geben, um gemeinsam mit meinen Spielern erfolgreich zu sein. Sie sollen das Vertrauen spüren und initiativ werden“, betonte Walter. Er habe Holstein in den vergangenen Jahren nie aus den Augen verloren – im Gegenteil. „Ich habe hier viele gute Freunde gefunden und bin in meiner Zeit im Norden oft nach Kiel gefahren, um sie zu besuchen. Außerdem hat mir der Verein damals die Chance gegeben, mich im Profifußball zu etablieren. Dafür bin ich Holstein sehr dankbar. Es war eine erfolgreiche Zeit. Daran wollen wir anknüpfen“, blickte der Coach voraus.
Risikofußball und Offensivspektakel
In seiner ersten Amtszeit hatte Walter durchaus Spuren im kollektiven Gedächtnis der KSV-Historie hinterlassen. Die „spannende“ Verpflichtung von WM-Star Jae-Sung Lee, das spektakuläre 3:0 beim Saison-Eröffnungsspiel gegen den Bundesliga-Absteiger Hamburger SV sowie Risikofußball und Offensivspektakel täuschten erfolgreich über den anfangs ruckelnden Motor hinweg, den unsere Störche nach den schwerwiegenden Abgängen von Kapitän Rafael Czichos, Mittelfeld-Stratege Dominick Drexler und Torjäger Marvin Ducksch unter Trainer Walter wieder auf Touren bringen wollten. „Ich hasse es zu verlieren. Und ich liebe es zu gewinnen“, sagte der vor Selbstvertrauen strotzende Kraichgauer zu Amtsantritt und sorgte mit seiner Mannschaft durch Ballbesitzfußball und aggressives Pressing für Furore. Ohne Frage begeisterte Holstein in der Saison 2018/19 mit offensiv-kreativer Leidenschaft. Walters mutige Herangehensweise sorgte bei den Kieler Fans aber auch immer wieder für „Herzrasen“, denn 08/15 war ganz sicher nicht der Ansatz des langjährigen Trainers der Bayern Amateure.
Bundesliga-Träume bis kurz vor Saisonende
Bis zum 30. Spieltag durfte Holstein unter Tim Walter und seinem kongenialen Co-Trainer Rainer Ulrich von der Bundesliga träumen, dann ließ die 1:2-Heimniederlage gegen den SC Paderborn – ausgerechnet beim Eröffnungsspiel der neuen Osttribüne – alle Aufstiegshoffnungen platzen. Die neuformierten Störche liefen am Ende auf einem durchaus beachtlichen sechsten Tabellenplatz ein. Das war mehr als alle nach den schwerwiegenden Abgängen vor der Saison erwartet hatten. Auch im DFB-Pokal spielten die Störche den typischen „Walter-Ball“ und verpassten durch einen späten Gegentreffer des Bundesligisten FC Augsburg nur haarscharf das Viertelfinale. Insgesamt war es eine Saison, zu der die Kieler Nachrichten treffende Worte fanden: „Oft unvernünftig, aber wunderschön!“
Inoffizieller „Nordmeister“
Für die Fans war am Ende der Saison besonders wichtig, dass sich unsere Störche unter Trainer Walter den inoffiziellen Titel des „Nordmeisters“ gesichert hatten. Aus den vier Partien gegen den Hamburger SV und den FC St. Pauli holte unsere KSV die Maximalausbeute von zwölf Punkten. Walter verabschiedete sich am letzten Spieltag mit einem 3:0-Heimsieg gegen Dynamo Dresden vorzeitig aus Kiel und ließ sich von einem attraktiven Angebot des Bundesliga-Absteigers VfB Stuttgart an den Neckarstrand locken. Schon bald kam es zu einem Wiedersehen zwischen unseren Störchen und ihrem früheren Coach, denn am 10. Spieltag der neuen Saison gastierte unsere KSV mit ihrem Jung-Trainer Ole Werner vor 54.000 Zuschauern in Stuttgart – und siegte mit 1:0 durch einen Treffer von Lee.









