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Geschichte und Geschichten: Als die Störche St. Pauli „abkochten“

Am Freitagabend treffen Holstein und der FC St. Pauli zum insgesamt 17. Mal in der 2. Bundesliga aufeinander – wir blicken zurück auf das allererste Zweitligaduell beider Teams im Oktober 1978.

Der erste von insgesamt sechs Bundesliga-Aufstiegen gelang dem FC St. Pauli 1977. Die Erwartungen waren damals teilweise riesig bis absolut irreal. Und gleich im ersten Heimspiel erlebten die 20.000 Zuschauer mit dem 3:1-Sieg über Werder Bremen einen kaum für möglich gehaltenen Paukenschlag. Noch unglaublicher war dann am 6. Spieltag der legendäre 2:0-Auswärtserfolg beim HSV, der wenige Wochen zuvor erst den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte. Franz Gerber und Wolfgang Kulka gingen mit ihren Treffern vor 48.000 ungläubigen Fans im Volksparkstadion in die braun-weiße Geschichte ein. Dennoch stand am Ende der Saison 1977/78 der direkte Wiederabstieg in die 2. Liga Nord. Und dort traf der FC St. Pauli dann erneut auf einen jahrzehntelangen Wegbegleiter aus alten Erstligazeiten in der Oberliga Nord, die Kieler Störche.

Holsteins Clubchef Karl Heinz Brandt spricht Kapitän Dieter Wendland und Torwart Martin Burmeister vor dem Spiel Mut zu.
Der Holsteinplatz war Ende der 1970er Jahre eine Fußball-Hochburg.

Studenten gegen Bundesliga-Absteiger

Im ersten Aufeinandertreffen beider Mannschaften in der vier Jahre zuvor gegründeten 2. Liga standen sich nun also die gerade erst sensationell aufgestiegene „Studententruppe“ aus Kiel und der klar favorisierte Bundesliga-Absteiger gegenüber. Das Holstein-Stadion platzte an jenem 1. Oktober 1978 aus allen Nähten. Über 13.000 Fans – die KSV war damals neben dem späteren Meister Bayer Leverkusen Zuschauerkrösus der 2. Liga Nord – wollten das traditionsreiche Duell live miterleben. Und sie sollten eines der packendsten Zweitligaduelle der Kieler Fußballgeschichte zu sehen bekommen.

Ohrfeige für Kieler Balljungen

Nicht überraschend ging der Bundesliga-Absteiger und Top-Favorit FC St. Pauli durch Torjäger Arno Steffenhagen in der 67. Minute in Führung und alles sah nach einem Sieg für die Hamburger aus. Eine Ohrfeige von St.-Pauli-Stürmer Tune Hansen gegen einen Kieler Balljungen sorgte für zusätzliche Brisanz in der spannenden Partie und brachte das Kieler Publikum zum Kochen. Und dann ging es endgültig rund.

Holsteins Torjäger Volker Tönsfeldt.
St.-Pauli-Keeper Jürgen Rynio 1978 einen Schritt schneller am Ball als Holsteins Immo Stelzer.

Die Holstein-Glocke

Wie so oft damals Ende der 1970er Jahre sollte das Kieler Publikum zum 12. oder gar 13. Mann werden. Der torgefährliche Vorstopper Immo Stelzer erinnert sich lebhaft an das hitzige Duell gegen den damaligen Bundesliga-Absteiger: „Wir lagen hinten und haben uns trotzdem nie aufgegeben. Was dann kam, war wie ein Film. Auf der Gegengeraden läutete die legendäre Holstein-Glocke die Schlussphase ein und das temperamentvolle Kieler Publikum peitschte uns nach vorn. Erst war Harry Witt per Foulelfmeter in der 84. Minute zur Stelle und zwei Minuten vor dem Schlusspfiff hab ich dann die Kugel irgendwie über die Linie gebracht. Wir waren wie in Trance, die Stimmung im Stadion ist förmlich explodiert.“

Schlussphase wie in Trance

Der junge Zweitliga-Aufsteiger von der Förde um die beiden nimmermüden Tönsfeldt-Brüder Volker und Dietmar sowie den „Beckenbauer von Kiel“ (O-Ton Kieler Nachrichten) Jochen Aido hatten den Top-Favoriten vom Kiez in der Schlussphase regelrecht abgekocht. St. Paulis Trainer Sepp Piontek meinte nach dem Schlusspfiff angesichts der Wahnsinns-Stimmung auf dem Holsteinplatz anerkennend: „Holstein ist um dieses Publikum zu beneiden!“ Die Kieler Fans und der unbändige Kampfgeist der Störche waren es in der Saison 1978/79 dann am Ende auch, die frühzeitig den Klassenerhalt sicherstellten. Bundesliga-Absteiger St. Pauli hingegen verpasste als Tabellensechster den Wiederaufstieg. Der gelang erst neun Jahre später…

Lange Zeit sah der Bundesliga-Absteiger aus St. Pauli im Holstein-Stadion wie der Sieger aus.
Die Titelseite des damaligen Stadionmagazin.

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