Das Duell zwischen der KSV Holstein und Eintracht Braunschweig, das am 32. Spieltag der 2. Bundesliga an der Förde steigen wird, gehört ohne Zweifel zu den Klassikern im norddeutschen Profifußball. Der Nordschlager früherer Tage, in dem sich die beiden Altmeister stets packende Duelle lieferten, findet an diesem Wochenende in der Gefahrenzone statt. Abstiegskampf pur heißt es diesmal im Kieler Holstein-Stadion. Störche und Löwen werden sich im Kampf um den Klassenerhalt vor sicherlich vollem Haus keinen Zentimeter schenken.
Tradition seit 1895
Der 1895 gegründete Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht gehört zu den großen norddeutschen Traditionsvereinen und ist bundesweit für seine legendäre Spielstätte, das 1923 eingeweihte Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße, berühmt und berüchtigt. Einst nach dem Zweiten Weltkrieg wichtiger Bestandteil der erstklassigen Oberliga Nord sowie von 1963 bis 1985 fast durchgängig zum festen Inventar der Bundesliga gehörend, hat der BTSV lernen müssen, dass die Zugehörigkeit zur Eliteklasse des deutschen Fußballs längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Spätestens mit dem erstmaligen Abstieg in die Drittklassigkeit 1987 endete die ganz große Zeit der Eintracht.
Fahrstuhlmannschaft
Dass die Löwen seit dem erneuten Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga im Jahr 2022 so etwas wie eine sportliche Renaissance feiern durften, war sicherlich Balsam auf die geschundene Fan-Seele an der Hamburger Straße. Daran, dass es für die Braunschweiger seitdem stets um den Klassenerhalt geht, hat sich die treue und begeisterungsfähige Anhängerschaft gewöhnt. Neben dem 1. FC Köln und Arminia Bielefeld sind die Niedersachsen der Profiklub, der seit 2002 am häufigsten die Spielklasse gewechselt hat.
Kampf um die Bundesliga
So richtig packend ging es zwischen Braunschweig und Kiel eigentlich erst Anfang der 1960er-Jahre zur Sache. Für die drei Plätze, die dem Norden für die Gründung der Fußball-Bundesliga zur Saison 1963/64 genehmigt worden waren, gab es eine Reihe namhafter Bewerber. Neben den beiden „gesetzten“ Clubs HSV und Werder Bremen rechneten sich vor allem Braunschweig, Osnabrück, Hannover 96 und Holstein die besten Chancen aus. Die Auswahl basierte auf einer umstrittenen Zwölfjahreswertung (sportliche Leistung, infrastrukturelle und wirtschaftliche Kriterien). Am Ende hatte Braunschweig die Nase vorn und darf sich seitdem Gründungsmitglied der Bundesliga nennen.


Einführung der 2. Bundesliga
Im zehnten Bundesliga-Jahr erwischte es die Löwen dann. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg war die Eintracht nur noch zweitklassig. Und erstmals seit 1963 trafen die Braunschweiger nun wieder auf die KSV Holstein. Erneut ging es – wie schon in der Saison 1962/63 – um alles oder nichts. Knapp elf Jahre, nachdem am 28. Juli 1962 im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle die Gründung der Bundesliga beschlossen worden war, gab es die nächste weitreichende Entscheidung des DFB-Bundestags. Am 30. Juni 1973 einigten sich die Clubvertreter auf die Einführung einer zweigleisigen 2. Bundesliga zur Saison 1974/75. Auch aufgrund der positiven Erfahrungen der ersten zehn Jahre der Bundesliga verliefen die Debatten weniger hitzig als noch Anfang der sechziger Jahre. Fortan sollten die fünf Regionalligen (Nord, West, Südwest, Süd und Berlin) durch die 2. Liga Nord und Süd ersetzt werden. Die Kluft zwischen der fünfgleisigen Regionalliga und der Bundesliga war in den Jahren zuvor einfach zu groß geworden. Und Bundesliga-Absteiger waren nicht selten in ihrer Existenz bedroht. Die 2. Bundesliga sollte den Übergang zwischen Profi- und Amateurfußball sanfter gestalten.
Holstein stürzt ab
Für die Braunschweiger Eintracht spielte das keine Rolle mehr, denn als letzter Regionalliga-Meister schafften die Löwen 1974 nach nur einem Jahr den direkten Wiederaufstieg. Härter traf es die Kieler Störche, die in den Jahren zuvor immer wieder knapp am großen Ziel Bundesliga gescheitert waren. Holstein verpasste – wie schon 1963 – die Qualifikation für eine neu gegründete Spielklasse. Erstmals stieg die KSV in die Drittklassigkeit ab. Eine sportliche und auch wirtschaftliche Katastrophe für den Traditionsverein der Förde. Erst vier Jahre später gelang Holstein mit der „goldenen Generation“ der heiß ersehnte Aufstieg in die 2. Liga Nord. Dort gab es dann auch in der Saison 1980/81 ein Wiedersehen mit Braunschweig.
Duell in der Drittklassigkeit
Von langer Dauer war weder für Braunschweig der Aufstieg in die Bundesliga noch für die Kieler das Abenteuer 2. Liga Nord. 1987 trafen dann beide Vereine erstmals in der drittklassigen Amateuroberliga Nord aufeinander. Mit Zweitliga-Absteiger Braunschweig, dem VfL Wolfsburg, Göttingen 05 und dem VfB Oldenburg meldeten vor dem Start der Saison 1987/88 vier namhafte Klubs Ansprüche auf die beiden Aufstiegsrunden-Plätze zur 2. Bundesliga an. Die Störche, die in der abgelaufenen Saison durch einen starken Endspurt von 22:2 Zählern noch Platz vier erreicht hatten, rechneten sich Außenseiterchancen aus. Der BTSV hatte ein ganz heißes Eisen im Feuer. Mit Uwe Reinders präsentierte der Saisonfavorit einen zweifachen deutschen Vizemeister als Spielertrainer. Der ehemalige Werder-Profi kam mit der Erfahrung einer langen Bundesliga-Karriere und half mit seinen Einsätzen (acht Tore) dabei, die Mannschaft zu führen. Aber auch Holstein hatte mit Michael Lorkowski einen starken Mann an der Seitenlinie, der 1984 und 1986 bereits den FC St. Pauli in die 2. Liga geführt hatte.


Fußballfieber in Kiel
Zu Saisonbeginn hatte Holstein Kiel die Nase vorn. Als Braunschweig am 7. Spieltag zum Spitzenreiter reisen musste, kannte die Euphorie an der Förde keine Grenzen. Rund um den altehrwürdigen Holsteinplatz herrschte echtes Fußballfieber. 9.000 Fans – darunter auch 1.100 mit Freikarten versorgte Kieler Schüler – sorgten für Zweitliga-Atmosphäre und füllten die klamme KSV-Kasse mit einer Einnahme von über 50.000 DM. Störche und Löwen boten dem Publikum ein sehenswertes Kampfspiel. Am Ende hieß es 1:1-Unentschieden – Holstein blieb Tabellenführer und im 18. Spiel in Folge ohne Niederlage. Am Saisonende hatten dann aber doch wieder die Löwen die Nase vorn, für den BTSV ging es zurück in die 2. Bundesliga. Die Wege beider Vereine trennten sich erneut für viele Jahre.
Relegation und Abstieg
An das Duell beider Teams am 13. Mai 2018 dürften sich noch zahlreiche der damals 11.760 Zuschauer zurückerinnern – die Gäste aus Braunschweig wohl eher mit Grauen. An jenem Tag, dem 34. Spieltag, erlitten die Löwen einen Totalschaden. Ausgerechnet am Tag des 10. Dienstjubiläums von Löwen-Trainer Torsten Lieberknecht unterlag Braunschweig trotz zwischenzeitlicher 1:0- und 2:1-Führung mit sage und schreibe 2:6 im Holstein-Stadion. Im Vorjahr noch Relegation zur Bundesliga gespielt, nun der Abstieg in die Dritte Liga: Bei Eintracht Braunschweig herrschte Fassungslosigkeit. „Der Abstieg erschütterte den Verein in seinen Grundfesten“, schrieb das Kicker-Sportmagazin.
Diesmal hatte Holstein also das bessere Ende für sich, auch wenn der forsche Zweitliga-Aufsteiger von der Förde in der folgenden Relegation gegen den VfL Wolfsburg den Aufstieg verpasste. Holstein hatte immerhin zum ersten Mal seit 1965 wieder ernsthaft an das Tor zur Bundesliga geklopft.


Höhenflug beginnt in Braunschweig
Das letzte denkwürdige Spiel zwischen Holstein und Braunschweig erlebten die Fans am 1. Spieltag der Saison 2023/24. Lange Zeit plätscherte die Partie an der Hamburger Straße vor sich hin. Doch dann erlebten die über 20.000 Zuschauer eine furiose Schlussphase – mit dem besseren Ende für die Störche, die sich für ein Geduldsspiel belohnten. Die Hausherren hielten trotz Unterzahl lange gut dagegen. Erst eine Unaufmerksamkeit in der Nachspielzeit kostete das Team von BTSV-Coach Jens Härtel den Punkt beim Auftaktspiel. Eine von unzähligen Flanken köpfte der Japaner Shuto Machino in hohem Bogen in Richtung seines eingewechselten Sturmpartners Hólmbert Friðjónsson. Der Isländer beförderte den Ball per Kopf in die Maschen. Mit vier Siegen in den ersten fünf Saisonspielen ließ das Team von Marcel Rapp sofort aufhorchen. Und rückblickend kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Sieg der Störche in Braunschweig so etwas wie der Anfang eines atemberaubenden Höhenfluges bedeutete, der am 11. Mai 2024 in der Bundesliga endete.
Statistik Störche gegen Löwen
Am heutigen Sonnabend steigt das Duell zwischen beiden Traditionsvereinen bereits zum 12. Mal in der 2. Bundesliga. Vier Holstein-Siegen stehen drei Remis und drei Siege der Löwen gegenüber. Und wer weiß, für welchen der beiden Altmeister die heutige Partie am Ende denkwürdigen Charakter besitzen wird…

