Bild zum Artikel: Geschichte und Geschichten: Vom ballsicheren Titelsammler bis zum Störche-Lieblingsgegner

Geschichte und Geschichten: Vom ballsicheren Titelsammler bis zum Störche-Lieblingsgegner

Obwohl die KSV Holstein und Dynamo Dresden ihre Spuren von der Viertklassigkeit bis in die Bundesliga hinterlassen haben, kreuzten sich die Wege der beiden Traditionsvereine erst spät. Zu Beginn verhinderte die deutsche Teilung das Aufeinandertreffen, dann die unterschiedlichen Ligazugehörigkeiten. Mittlerweile hat sich die SGD zu einem Lieblingsgegner unserer Störche entwickelt. Doch das erste Aufeinandertreffen ging an den achtfachen DDR-Meister und siebenfachen nationalen Pokalsieger.

Nur drei Monate nach der Vereinsgründung 1953 zierte schon der erste Meistertitel den Briefkopf der Dresdner. Eine Fortsetzung der anbahnenden Erfolgsgeschichte wurde jedoch verhindert, da die gesamte Mannschaft zum SC Dynamo Berlin – dem späteren BFC Dynamo – delegiert wurde, mit anschließenden sportlichen sowie erzwungenen Abstiegen bis in die Viertklassigkeit. Eine erste Zäsur, die das Selbstverständnis der SGD mitprägt. „Schon immer begleitete Dynamo die Gewissheit, von den Mächtigen der Fußballschattenwelt betrogen zu werden“, wurde der Dresdner Verein in der Spiegel-Serie „Geliebte Fußballclubs” im Jahr 2007 beschrieben.

Walter Fritzsch kreiert den Dresdner Kreisel

Nachdem sich Dresden in den 1960er Jahren wieder in die DDR-Oberliga hochgekämpft hatte, zum bedeutendsten Club der Region wurde und die ersten von beachtlichen 98 Europapokalspielen erlebt hatte, erreichte Dynamo endgültig wieder die Spitze des ostdeutschen Fußballs. Diese Phase hängt maßgeblich mit Trainer Walter Fritzsch zusammen. Von 1969 bis 1978, eine der längsten Amtszeiten Dynamos, betreute Fritzsch die Mannschaft und implementierte eine attraktive und ballorientierte Spielweise – den „Dresdner Kreisel“. Diese Spielidee war erfolgbringend. Fünf Meisterschaften und zwei Pokalsiege, dazu viele Europapokalabende gegen hochkarätige Mannschaften wie den FC Liverpool, Juventus Turin und den FC Bayern München, fielen in diesen Zeitraum.

Das heutige Rudolf-Harbig-Stadion fasst 32.249 Zuschauer.
Dynamo Dresden ist deutschlandweit für kreative und große Choreos bekannt.

In den 80er Jahren gab es erneut Gegenwind aus Berlin. Der BFC Dynamo übernahm – vorangetrieben durch Erich Mielke, dem langjährigen Minister für Staatssicherheit und Ehrenvorsitzenden des BFC – die Vorherrschaft. Zehn Meisterschaften gingen unter Manipulationsvorwürfen und umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen nach Berlin. Die Dresdner sicherten sich dreimal den Pokal und verhinderten so mehrfach die vom BFC eingeplanten Doublesiege. Die Unruhen zum Ende der DDR spürte auch der Berliner Fußballclub, sodass es Dynamo Dresden noch einmal gelang zwei Meisterschaften zu erringen.

Nach der Wende 1990 qualifizierten sich die Gelb-Schwarzen für die gesamtdeutsche Bundesliga. Doch wie es auch den anderen Ostvereinen ging, war die Bundesligazugehörigkeit nicht von langer Dauer. Nach vier Jahren ging es aufgrund eines Lizenzentzugs runter in die Regionalliga Nordost und bislang war Dynamo Dresden noch keine Rückkehr in die Erstklassigkeit vergönnt.

Dynamo-Sieg im ersten Vergleich

An die ganz großen und sportlich erfolgreichen Dresdner Tage war am 23. August 2002 – als unsere Störche erstmals auf Dynamo trafen – nicht zu denken. Vielmehr war Dresden gerade dabei, sich aus der viertklassigen NOFV-Oberliga Süd wieder nach oben zu kämpfen. So stieg die Partie mit den Störchen in der Regionalliga Nord. Die Vorzeichen für das Spiel waren dabei keine guten für die Dresdner. Zu dem Zeitpunkt hatte die gesamte Region mit der Jahrhundertflut zu kämpfen. Statt Training halfen die SGD-Spieler bei Sicherungsmaßnahmen und Aufräumarbeiten in der Stadt.

Da das Spielfeld im Rudolf-Harbig-Stadion doch rechtzeitig wieder einsatzbereit war, konnte das Spiel vor 6.130 Zuschauern stattfinden. Dort erwischte die SGD den besseren Start und der überraschend aufgestellte Steffen Heidrich brachte die Hausherren in Front. Noch vor der Pause konnte die von Interimstrainer Daniel Jurgeleit trainierte KSV Holstein in Person von Marek Trejgis ausgleichen. Nach dem Seitenwechsel war es Torsten Bittermann, der zum 2:1 für Dynamo traf. Holstein kam dem Ausgleich nahe, doch mit viel Zittern brachten die Gastgeber das Ergebnis über die Zeit.

Daniel Jurgeleit und Timo Hempel beim allerersten Punktspiel in Dresden.
Die Dresdner Fans im Rudolf-Harbig-Stadion im August 2002.

Störche in zweiter Liga noch ungeschlagen

Mittlerweile haben die Störche gegen Dynamo deutlich die Nase vorn. In den bislang 21 Pflichtspielen seit 2002 konnte die KSV 13 Siege einfahren, während Dresden „nur“ fünfmal mit drei Zählern den Platz verließ. Drei Begegnungen endeten unentschieden. In der 2. Bundesliga konnte Dynamo bei allen neun Versuchen seit 2017 noch nie gegen Kiel gewinnen. Der einzige Punktgewinn (0:0) datiert vom 16. April 2022.

Kronholms Bestmarke

Holsteins höchsten Zweitliga-Sieg gegen die Sachsen erlebten am 14. April 2018 mehr als 29.000 Zuschauer. Im Rudolf-Harbig-Stadion trafen damals beim 4:0-Erfolg die Kieler Marvin Ducksch (2), Kingsley Schindler und Alexander Mühling. Torhüter Kenneth Kronholm hielt dabei nicht nur seinen Kasten sauber, sondern beim Spielstand von 0:0 auch den Elfmeter von Moussa Koné (siehe Foto). Darüber hinaus stellte Holsteins 2017er-Aufstiegsheld Kronholm gegen Dynamo eine außergewöhnliche Bestmarke auf. Der gebürtige US-Amerikaner und spätere MLS-Torhüter verließ den Platz mit seinen Störchen bei allen seinen fünf Spielen gegen Dresden als Sieger – und kassierte nur einen einzigen Treffer.

Kiels Schlussmann Kenneth Kronholm (li.) hält in der 5. Minute den Foulelfmeter der Dresdners Moussa Koneh (re.).
Riesenjubel bei den drei Holsteinern Patrick Herrmann (li.), Rafael Czichos (Mi.) und Marvin Ducksch (re.) in Dresden.

Flucht in den Westen

Die letzte Auswärtsniederlage von Holstein beim achtfachen DDR-Meister datiert übrigens aus dem Jahr 2009. Damals unterlag die KSV unter Trainer Falko Götz in der 3. Liga deutlich mit 0:3. Jener Kieler Aufstiegstrainer Götz, dem im November 1983 zusammen mit seinem Mitspieler Dirk Schlegel bei einem Europapokalspiel seines Vereins Dynamo Berlin in Belgrad die Flucht in den Westen gelang – eine der spektakulärsten Sportlerfluchten der professionellen Fußballgeschichte.

Holsteins 2009er Aufstiegstrainer Falko Götz.
Die Reise nach Dresdens ist für Holstein-Fans stets lohnenswert.

Hier gibt's noch mehr frische News