Die legendärste Niederlage

Vor 90 Jahren am 22. Juni 1930: Holstein unterlag mit acht Nationalspielern im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Hertha

Legendäre Spiele erlebten die Fans der KSV Holstein in der 120 –jährigen Geschichte so einige. Ob es das hoch spannende 3:3 gegen den Hamburger SV am Karfreitag 1951 vor der ewigen Rekordkulisse von 30.000 Zuschauern im Holstein-Stadion war, der atemberaubende 5:0-Auswärtssieg der Störche gegen den HSV am Hamburger Rothenbaum in der Saison 1952/53, das sensationelle 2:0 im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den Erstligisten Mainz 05 am 21. Dezember 2011 oder der „unglaubliche“ 4:1-Sieg im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft am 30. Mai 1943 gegen den „unbesiegbaren“ FC Schalke 04. Auch das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 22. Juni 1930 gegen Hertha BSC Berlin war so ein Spiel. Am Ende hieß es 5:4 für Hertha und so ging der Tag von Düsseldorf neben dem Relegations-Aus bei 1860 München am 2. Juni 2015 als die wohl legendärste Niederlage der Clubgeschichte ein.

Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre konnte die KSV allmählich an alte Erfolge anknüpfen. Unter dem ungarischen Berufstrainer Béla Révécz erreichten die Störche 1926 erstmals wieder das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, wo sie der SpVgg Fürth mit 1:3 unterlagen. Der Durchbruch gelang 1930, wobei er abermals der gesellschaftlichen Verankerung der KSV Holstein in der Stadt Kiel zu verdanken war. Kurz zuvor hatte mit dem Lebensmittelgroßhändler Hermann Langness ein Vertreter der regionalen Wirtschaft die Vereinsführung übernommen und mit der Verpflichtung des aus Wien stammenden Berufstrainers Carlos Heinlein die Weichen in Richtung Professionalität gestellt. Mit Franz Esser, Walter Krause, Hannes Ludwig, Oskar Ritter, Karl Schulz, Kurt Voß, August Werner und Werner Widmayer stellten die Störche gleich acht Nationalspieler und avancierten zu einer der spielstärksten Mannschaften im Norden. Nach souveränem Gewinn sowohl der Bezirks- als auch der Norddeutschen Meisterschaft schalteten sie in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft auch den VfB Leipzig (4:3), Eintracht Frankfurt (4:2) sowie den Dresdner SC (2:0) aus und zogen schließlich zum dritten Mal nach 1910 und 1912 ins Endspiel um die Viktoria ein. „Ein Geist, ein Wille war der Motor der gesamten Mannschaft“, schwärmte die Presse.

Erneut stand Kiel Kopf, stärkte die gesamte Region den Störchen den Rücken, war Kiel Fußballhochburg im Norden. Schon im Juni 1929 hatten 12.000 Zahlende beim 2:4 gegen den Hamburger SV für eine neue Rekordkulisse gesorgt – und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit rasant steigenden Arbeitslosenzahlen. Zum Endspiel begleiteten am 22. Juni 1930 mehrere tausend Fans ihre Störche ins Düsseldorfer Rheinstadion. Dort kam es bei Temperaturen von 35 Grad im Schatten zu einem der dramatischten Endspiele in der Geschichte des deutschen Fußballs, an dessen Ende der tragische Verlierer Holstein Kiel hieß. Die Störche waren früh durch Werner Widmayer (4.) und Oskar Ritter (8.) mit 2:0 in Führung gegangen und hatten sich anschließend eines gewaltigen Sturmlaufes der Berliner um ihren Superstar Hanne Sobeck ausgesetzt gesehen. Zünglein an der Waage spielte allerdings Schiedsrichter Willi Guyenz, der in der 80. Minute den Kieler Hannes Ludwig vom Platz stellte, weil er eine Handbewegung fälschlicherweise als Protest auslegte. In Unterzahl  verlor die aufopferungsvoll kämpfende Störche-Elf noch mit 4:5, und dass im Fachblatt „Fußball“ zu lesen war, „für das Publikum heißt der Sieger dennoch Holstein Kiel“, konnte kaum trösten. (grüne/nawe)

Endspiel um die Deutsche Meisterschaft (22. Juni 1930)

Hertha BSC Berlin – Holstein Kiel 5:4 (3:3)

Hertha BSC: Paul Gehlhaar, Willi Völker, Rudolf Wilhelm, Otto Leuschner, Ernst Müller, Herbert Radecke, Hans Ruch, Hanne Sobek, Bruno Lehmann, Willi Kirsei, Hermann Hahn

Holstein Kiel: Alfred Kramer, Theodor Lagerquist, Josef Zimmermann, Christian Baasch, Oskar Ohm, Waldemar Lübke, Kurt Voß, Oskar Ritter, Johannes Ludwig, Werner Widmayer, Franz Esser

Tore: 0:1 Werner Widmayer (4.), 0:2 Oskar Ritter (8.), 1:2 Hanne Sobek (22.), 2:2 Hanne Sobek (26.), 2:3 Johannes Ludwig (29.), 3:3 Bruno Lehmann (36.), 4:3 Bruno Lehmann (68.), 4:4 Oskar Ritter (82.), 5:4 Hans Ruch (87.)

Zuschauer: 40.000 (im Düsseldorfer Rheinstadion)

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