Heute vor 20 Jahren: Pokalsensation gegen Hertha BSC

Die Kieler Störche feierten am 1. September 2002 gegen Hertha BSC eine der größten Pokalsensationen der Vereinsgeschichte

Denkwürdige Duelle zwischen unseren Störchen und Hertha BSC Berlin gab es in der schillernden Historie beider Clubs so einige. Allen voran das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 22. Juni 1930, das die Berliner in dem wohl spannendsten Finale um die „Deutsche“ aller Zeiten mit 5:4 für sich entscheiden konnte. Doch auch der 1. September 2002 wird vielen der knapp 10.000 Zuschauer im Holstein-Stadion lebhaft in Erinnerung geblieben sein.

Nach einem katastrophalen Fehlstart in der damals drittklassigen Regionalliga Nord rangierten unsere Störche nach sechs Spieltagen mit nur zwei Punkten abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz. Die Vorzeichen für das DFB-Pokal-Erstrundenspiel gegen den Bundesligisten aus Berlin, der u.a. mit dem brasilianischen Star Marcelinho, Weltmeister Luizao, dem Portugiesen Pinto, Kult-Torhüter Gábor Király sowie den nationalen Größen Marco Rehmer, Arne Friedrich und Michael Preetz in die Landeshauptstadt reiste, waren also mehr als deutlich. Zu allem Überfluss musste Kiels Trainer Gerd-Volker Schock nach seinem 5. Hörsturz seinen Trainerstuhl räumen. Mittelstürmer Daniel Jurgeleit übernahm vorerst zusammen mit Co-Trainer Volker Manz das Kommando.

Torwart Greil nicht zu bezwingen

Während damals die meisten Bundesligisten mühelos die zweite Runde des DFB-Pokals erreichten, stolperte Hertha BSC Berlin sensationell in Kiel. Nach der Verlängerung hatte es im Holstein-Stadion 1:1 (1:1, 1:0) gestanden. Matthias Rose (44.) erzielte die Führung für unsere Störche, Nationalspieler Michael Preetz (52.) sorgte zunächst mit dem Ausgleich noch einmal für Hoffnung bei Hertha. Doch im Elfmeterschießen blamierte sich die Mannschaft von Trainer Huub Stevens, der in der Vorsaison noch mit Schalke 04 den Pott geholt hatte, dann so richtig. Unser Torhüter Manuel Greil parierte die Elfmeter von Pinto und Michael Hartmann, Andreas Schmidt traf nur die Latte. Und weil sich Dmitrijus Guscinas, Andre Trulsen und Matthias Rose treffsicher zeigten siegte unsere KSV mit dem kuriosen Resultat von 3:0 im Elfmeterschießen. Hertha BSC lag am Boden. Doch damit nicht genug: Beim Comeback nach fünfmonatiger Pause verletzte sich Nationalspieler Marko Rehmer erneut. Kurz vor der Pause, als Rose den umjubelten Treffer für unsere Störche erzielte,  blieb Rehmer mit einer blutenden Wunde an der Schläfe auf dem Rasen liegen – und kehrte nicht aus der Pause zurück. „Er schaut aus, als ob er aus dem Krieg kommt“, schimpfte Hertha-Manager Dieter Hoeneß.

„Wurden immer stärker!“

Holsteins Führungstorschütze Matthias „Rosi“ Rose, der auch im finalen Elfmeterschießen vom Punkt aus eiskalt blieb, ließ sich von den Anfeindungen der Berliner nach dem Schlusspfiff nicht in seiner Freude trüben. Auch für ihn gehört der Pokalsieg bis heute zu den ganz großen Erlebnissen seiner Profikarriere: „Wir wurden von Minute zu Minute stärker. Und Hertha war sehr überheblich. Nach meinem Führungstor wurde das eine sehr emotionale Angelegenheit. Der Pokalerfolg nach dem siegreichen Elfmeterschießen war Adrenalin pur für uns alle.“

Kampf- und Willenskraft

Der damals 29-jährige Publikumsliebling Güner Kopuk, noch heute Mitglied der Holstein Traditions-Elf, hatte gegen Hertha bis zur 114. Minute geackert, dann zwang ihn eine Adduktorenverletzung in die Knie. Die Ehrenrunde konnte Kopuk nur noch humpeln. In der Störche-Kabine indes untermalte er die Jubelstürme mit Trommelschlägen auf den Eisboxen und Getränkebehältern. Güner war an jenem Pokaltag der Inbegriff Kieler Kampf- und Willenskraft. Seine Erinnerungen sind auch 20 Jahre nach dem großen Tag noch sehr rege: „Das war eines meiner Karriere-Highlights. Meine Gegenspieler waren damals Weltmeister Luizao und der polnische Nationalspieler Bartosz Karwan. Und dann noch all die anderen Top-Leute in Reihen der Berliner. Doch dann kamen wir. Luizao musste schon nach 71 Minuten raus, den habe ich damals wohl verschlissen. Das war meine persönliche Revanche für die WM. Da hat Luizao nämlich mit Brasilien zweimal gegen meine Türken gespielt und zweimal gewonnen. Aber Spaß beiseite, den Sieg hatte uns damals niemand zugetraut. Vor allem deswegen nicht, weil wir Regionalliga hatten einen echten Gruselstart hingelegt hatten und vor dem Spiel gegen Hertha mit meilenweitem Abstand am Tabellenende standen. Und dann so etwas.“

Für die Geschichtsbücher

Nach dem vielumjubelten Triumph mussten die Holstein-Fans allerdings in der Regionalliga noch bis zum 11. Spieltag  auf den ersten Sieg warten. Am Wochenende nach dem Pokalsieg unterlag man sogar in Münster rekordverdächtig mit 4:6. Doch am Ende schaffte Holstein unter dem neuen Trainer Hans-Werner Moors den Klassenerhalt. Und hatte rückblickend mit dem Sieg gegen Hertha BSC Berlin Pokal-Geschichte geschrieben.

Henning Hardt stand damals für die Störche auf dem Rasen:

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