Die Uhr zeigte am 24. Juni 1961 genau 17:10 an als der Schlusspfiff ertönte und die Reserve der KSV Holstein sich die kleine Krone des deutschen Fußballs aufsetze. Mit 5:1 hatten die Kieler gerade im Finale um die Deutsche Amateurmeisterschaft den SV Siegburg 04 geschlagen und damit einen der Hochpunkte der Vereinsgeschichte erreicht. Dieser Triumph von Holsteins zweiter Mannschaft im Niedersachsenstadion vor 80.000 Zuschauenden jährt sich heute zum 65. Mal.
Die Einführung des bezahlten Fußballs machte es möglich, dass in Deutschland um zwei Titel gespielt wurde. So waren die Holsteiner Vertragsspieler – das Pendant zu den heutigen Profis – in der erstklassigen Oberliga Nord vertreten und hatten mehr oder weniger Chancen auf die „richtige“ Deutsche Meisterschaft. Währenddessen richtete der Deutsche Fußball-Bund eine zweite Meisterschaft aus, die sich an die Mannschaften in den Amateurligen – damals die zweithöchste Spielklasse – wandte.



Der kurze Weg zwischen erster und zweiter Mannschaft
In der Landesliga Schleswig-Holstein lief seit 1955 die „Zweite“ der Störche auf, nachdem sie sich in den Vorjahren aus der Kreisliga wieder nach oben geschossen hatte. Die von Erich Wolf trainierte Reserve erreichte dann in der Saison 1960/61 ihren Zenit und war eine mit unendlicher Ausdauer ausgestattete Mannschaft, die einen flotten vertikalen Flachpassfußball auf das Spielfeld brachte. Neben dem Triumph im Landespokalfinale (2:1 gegen TuS Lübeck 93) wurde die Landesliga mit vier Punkten Vorsprung auf Phönix Lübeck gewonnen. Im Verlauf der Saison hatte Trainer Erich „Ede“ Wolf immer wieder einige seiner Akteure, unter anderem Rudi Balsam, an die Oberliga-Mannschaft abgeben müssen. Der Weg von der „Zweiten“ zu den Profis ist stets ein kurzer, wie sich im Verlauf der Jahrzehnte am Beispiel von Rekordtorjäger Gerd Koll, Zweitliga-Führungsspieler Harry Witt, Holsteins Aufstiegskapitän Philipp Sander sowie in dieser Saison durch das Trio Louis Köster, Ikem Ugoh und Leon Parduzi gezeigt hat.
Als Meister einer der höchsten Amateurklassen Deutschlands waren die Reserve-Störche schließlich für die Endrunde um die Deutsche Amateurmeisterschaft qualifiziert. Neben der KSV kämpften Union 06 Berlin, der FC Haßfurt, der FC Sobernheim und der SV Siegburg 04 um die „kleine“ Meisterschaft. In dem bei fünf Teilnehmern nötigen Ausscheidungsspiel musste Holstein antreten und bezwang die Berliner mit 4:1 im Elfmeterschießen. Anschließend zeigten die Kieler in der Vorschlussrunde – dem Halbfinale – ihre Offensivstärke und überrollten Sobernheim mit 5:2.



KSV-Rekordkulisse in Hannover
Der Finaltag am 24. Juni 1961 war dabei sicherlich einer der Höhepunkte im Fußballjahr. Nicht nur wurde an diesem Tag das Endspiel der „richtigen“ Deutschen Meisterschaft zwischen dem 1. FC Nürnberg und Borussia Dortmund, das zugunsten der Franken ausfiel, ausgetragen, sondern im Vorfeld stand ein weiterer fußballerischer Leckerbissen auf dem Programm: das „kleine“ Finale zwischen Kiels Reserve und Siegburg 04. Als die beiden Amateurmannschaften das Spielfeld betraten, war das Hannoveraner Niedersachsenstadion mit 82.000 Zuschauenden bis zum Anschlag gefüllt – bis heute eine Rekordkulisse für ein Spiel mit Kieler Beteiligung. 4.000 Kielerinnen und Kieler hatten es sich nicht nehmen lassen, bei diesem Spiel dabei zu sein.


Sturmlauf in Hälfte zwei
Holstein erwischte den besseren Start und ging in Person von Dieter Krafczyk in Führung. Allerdings wurde verpasst, nachzulegen. Das rächte sich, als Siegburg in der 30. Minute ausglich. Sofort nach dem Seitenwechsel fand die gute Kieler Offensive zusammen. Holstein holte sich in der 46. Spielminute durch den Treffer von Günter Lankeit die Führung zurück. Ein Doppelschlag zur Stundenmarke stellte die Weichen endgültig in Richtung Meisterschaft. Der Treffer zum 5:1-Endstand fiel zu Beginn der Schlussphase.
Unter großem Jubel der überragenden Kulisse überreichte DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens den Carl-Riegel-Pokal für Amateure an die Holsteiner. Anschließend an das Finale der Vertragsspieler wurde gemeinsam mit dem Deutschen Meister, 1. FC Nürnberg, gefeiert. An den Feierlichkeiten nahmen zahlreiche Prominente teil, darunter auch Deutschlands Fußballikone und Weltmeistertrainer von 1954, Sepp Herberger, der jedem Kieler Sieger die Hand schüttelte. Die frischgebackenen Amateurmeister kehrten damals pünktlich zum letzten Tag der Kieler Woche in die Landeshauptstadt zurück und wurden dort ebenso wie einige Tage später im Rathaus gebührend empfangen.


Holstein II: Jürgen Horn – Rudi Balsam, Horst Berczuk – Gerhard Broszat, Peter Rautenberg, Ulrich Meyer – Horst Mund, Peter Lempfert, Dieter Krafczyk, Günter Lankeit, Manfred Podlich – Trainer: Erich Wolf.
Siegburg: Ernst Dykstra – Eberhard Alda, Adolf Waletzke – Jochen Alda, Jules Antoine, Willi Miebach – Hans Zimmermann, Peter Witter, Willi Römer, Karl Konik, Manfred Eder – Trainer: Karl Heimers
Tore: 1:0 Krafczyk (6.), 1:1 Witter (31.), 2:1 Lankeit (46.), 3:1 Lankeit (61.), 4:1 Mund (66.), 5:1 Meyer (75.).
Zuschauer: 82.000.

