Die Legende vom Holsteingeist

Irgendwo in den Katakomben des Kieler Holstein-Stadions wohnt der Holsteingeist

Viele Legenden und Geschichten ranken sich um die KSV Holstein, die in ihrer nunmehr 121-jährigen Geschichte nahezu alle Höhen und Tiefen erlebt hat und nun nur noch einen Schritt von ihrem größten Erfolg seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1912 steht. Und so wie es Ehrenspielführer Uwe Seeler beim HSV ist, Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz „Charly“ Körbel bei Eintracht Frankfurt oder auch Ernst Kuzorra beim FC Schalke 04, so haben auch die Kieler Störche seit den Anfängen der Vereinsgeschichte ihre Legende – die Legende vom Holsteingeist.

Wann genau der Holsteingeist „geboren“ wurde, ist bis heute unklar. War es am 4. Mai 1902, als die drei Hebbelschüler Friedrich Brügmann, Walter Duden und Hans Gosch in einer Gartenlaube am Knooper Weg den FC Holstein gründeten? Oder gar auf der Zugfahrt zum allerersten Spiel des Kieler Fußballvereins (KFV), dem späteren Fusionspartner, am 7. Oktober 1900 nach Lübeck? Oder war er doch das Resultat durchzechter Nächte in der früheren Vereinsgaststätte Storchnest am ersten Sportplatz an der Gutenbergstraße? In jedem Falle prägte die Legende vom Holsteingeist nicht nur die Anfänge der Kieler Störche, sondern war für die Fußballer der KSV in den darauffolgenden Jahrzehnten immer auch moralische Instanz.

„Immer dann, wenn etwas ganz Besonderes ansteht und Dinge nicht mehr mit normalem Fußball-Vokabular zu erklären sind, dann kommt der Holsteingeist aus seiner Kiste in den Katakomben ganz tief unter der altehrwürdigen Tribüne des Holstein-Stadions herausgeklettert und mischt munter mit“, berichtete der im Jahre 2017 verstorbene Kieler Rekordspieler Peter Ehlers, der 1965 mit den Störchen nur knapp in der Bundesliga-Aufstiegsrunde an Borussia Mönchengladbach scheiterte, voller Ehrfurcht. So war es bei der Deutschen Meisterschaft 1912, dem 4:1-Erfolg der Störche im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft 1943 gegen die Schalker Knappen, dem Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft 1961, aber auch beim ersten Zweitliga-Aufstieg 1978.

Und auch Thorsten Neumann (65), der nie für einen anderen Verein als die KSV Holstein spielte, 1978 den Aufstieg in die 2. Liga Nord als Führungsspieler hautnah miterlebte und heute Vorsitzender des Traditionsclubs der Kieler Störche ist, weiß zu berichten: „Schon als kleiner Junge in der Holstein-Jugend hörte ich von unseren Alt-Nationalspielern wie Seppl Esser vom Holsteingeist. Der Holsteingeist stand für Kameradschaft, Zusammenhalt und einen guten Teamgeist. Aber tatsächlich wurde er auch gerufen, wenn es dem Verein wirtschaftlich nicht so gut ging. Und das war damals häufiger der Fall!“ Mit einem Augenzwinkern fügt Neumann an: „Und auch, wenn wir mal wieder nicht in die Gänge kamen auf dem Platz, da ist er des Öfteren in uns gefahren.“

In der 2. Liga Nord, als eine „Studenten-Mannschaft“ von einem frenetischen Publikum – nur Zweitliga-Meister Bayer Leverkusen hatte mehr Zuschauer als die KSV Holstein – getragen wurde, weckte eine Glocke auf der Gegengeraden den berühmt-berüchtigten Holsteingeist. Doch Trainer Thorsten Gutzeit, der in der Saison 2011/12 mit der KSV ein wahres Pokalmärchen schrieb, das erst im Viertelfinale gegen Borussia Dortmund endete, meinte etwas ungläubig: „Wir wollen uns aber nicht nur auf fremde Mächte verlassen!“ Doch schon ein Jahr später gelang den Störchen der Aufstieg in die 3. Liga. Hatte der Holsteingeist doch wieder seine Hände im Spiel?

Auch bei der gemeinsamen 20-Jahr-Feier des Holstein-Fanclubs „Die Elite“ und der Kieler Kult-Band „Die Denkedrans“ im November 2019 war der Holsteingeist immer wieder Thema, sodass der Wirt der Kieler Räucherei, selber eingefleischter St. Pauli-Fan, meinte: „Herr, nimm dich dieser verirrten Seelen an!“ Es war ein unglaublich harmonischer, friedlicher und ausgelassener Abend. Fast schon unheimlich!

Spätestens seit dem geschichtsträchtigen Pokalerfolg am 13. Januar 2021 gegen den FC Bayern München, der das Holstein-Stadion in seinen Grundfesten „erschütterte“, geht der Holsteingeist wieder um. Oder wie sonst lassen sich solch magische, schier unfassbare Schlussphasen wie gegen Jahn Regensburg am Himmelfahrtstag erklären?

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