Harro Clausen – ein echter Holsteiner

Holsteins ehemaliger Erstliga-Torhüter und Ehrenmitglied Harro Clausen, hier im KSV-Trikot im Januar 1958 gegen Altona 93, verstarb in Kiel im Alter von 84 Jahren

Harro Clausen war ein echtes Holstein-Urgestein. Seit seinem zehnten Lebensjahr war er den Störchen eng verbunden, trug mit kurzer Unterbrechung auf St. Pauli und in München 30 Jahre lang das Torwart-Trikot der Störche und erhielt als Träger der Goldenen Ehrennadel 2006 auch die Ehrenmitgliedschaft des Kieler Traditionsvereins verliehen. Gespräche mit dem ehemaligen Liga- und Amateur-Schlussmann waren von sportlichem und auch historischem Wert, denn Harro Clausen erlebte nicht nur die bewegenden Nachkriegsjahre als Mitglied der KSV Holstein hautnah mit, er stand auch Seite an Seite mit den ganz Großen der Vereinsgeschichte auf dem Platz. Am Montag, den 14. Juni, verstarb Clausen, der seit 1947 Mitglied der KSV war.

Clausens Vater war gebürtiger Pellwormer und stammte aus einer Bauernfamilie. Als die Fliegerangriffe auf Kiel 1942 anfingen, schickte Vater Clausen seine Familie aus Sicherheitsgründen zurück auf seine Heimatinsel. Im Herbst 1943 wurde Clausen auf Pellworm eingeschult und blieb dort bis unmittelbar nach Kriegsende. Dann ging es mit seiner älteren Schwester zurück nach Kiel, die ihn in der Gerhardschule anmeldete – Kiel lag damals in Schutt und Asche.

Fußball spielte für Clausen schon früh eine sehr große Rolle. Sein Großvater und sein Großonkel nahmen ihn kurz nach dem Ende des Krieges in der Saison 1946/47 zum ersten Mal mit auf den Holsteinplatz. Holstein spielte damals auf Augenhöhe mit dem HSV, Werder Bremen und dem FC St. Pauli in der erstklassigen Oberliga Nord. Das Geschehen auf dem Rasen begeisterte den damals Elfjährigen derart, dass sein Vater ihn sofort im Verein anmelden musste. „Ein Mitschüler von mir war damals schon bei Holstein und wollte mich auch unbedingt dabei haben. Wir mussten uns damals immer in einer Baracke, einer Nissenhütte am Holsteinplatz, umziehen. Unser Trainer war gleichzeitig für mehrere Teams zuständig. Der heutige Fögeplatz war damals noch voller Bombentrichter und die mussten erst zugeschüttet werden. Daher trainierten wir auf den damals noch sogenannten Hoheluftplätzen, dort steht heute das Lubinus Klinikum“, erinnerte sich Harro Clausen stets lebhaft an seine Anfänge im Storchennest.

Zwar gab es auch damals in Kiel schon die Begeisterung für die Handballer des THW, die 1948 erstmals Deutscher Feldhandball-Meister wurden, aber Holstein hatte einfach aufgrund der Erfolge zwischen den beiden Weltkriegen eine sehr große Bedeutung. Das Meisterschafts-Endspiel 1930 und auch die ehemaligen Nationalspieler besaßen immer noch sehr große Strahlkraft. Und natürlich trug auch der Titelgewinn von 1912 noch immer seinen Teil zu dem guten Ruf bei. Und dieser Strahlkraft konnte sich Clausen nie entziehen.

Clausen erinnerte sich bis zuletzt gern an die großen Holsteiner, denen er stets mit großem Respekt begegnete: „Peter Ehlers war für mich ein herausragender Spieler, mit dem ich ja selber noch in der Oberliga Nord auf dem Platz stehen durfte. Wir waren auch beide zusammen auf der Kieler Humboldt-Schule. Auch Franz Linken, ein Rheinländer, war ein überragender Könner im Holstein-Trikot. Im Nachhinein war er wohl der Beste überhaupt, auch wenn man das ja nur schwer vergleichen kann. Er war ein Stürmer, der sicherlich auch heute in der Bundesliga eine überragende Rolle spielen würde. Und die Alt-Nationalspieler wie Adsch Werner, Seppl Esser und Oskar Ritter waren allgegenwärtig, sie blieben dem Verein auch nach dem Ende ihrer aktiven Zeit verbunden. Sie waren für mich echte Fußball-Idole.“

Die fünf Einsätze, die Harro Clausen in der Saison 1957/58 in der höchsten deutschen Spielklasse, der damaligen Oberliga Nord, absolvieren durfte, blieben für ihn immer unvergessen. An der Seite von Peter Ehlers, Kuddl Müller, Atze Bornemann, Wolfgang Schwierzke, Dedel Moers, Heiner Sander oder auch Helmut Schmuck feierte Clausen ausgerechnet im Landesderby an der Lohmühle sein Debüt. Die anderen vier Spiele erlebte er als Ersatz für Torwartdenkmal Henry Peper gegen den VfL Osnabrück und Altona 93, bei Bremerhaven 93 und im Niedersachsenstadion gegen Hannover 96. Aber auch beim Toto-Spiel beim Spandauer SV oder in den Freundschaftsspielen bei Fortuna Düsseldorf, Preußen Münster oder den Duisburger SV stand der Torwart zwischen den Pfosten. „Wir hatten damals mit Helmuth Johannsen einen hervorragenden Trainer, einen echten Strategen. Johannsen war Manager, Trainer und Vaterfigur. Er kümmerte sich einfach um alles und war immer präsent. Er hat mich sehr beeindruckt. Mit Eintracht Braunschweig wurde er dann ja sogar 1967 Deutscher Meister“, schwelgte Clausen gern in Erinnerungen.

Seit 2001 war der vierfache Vater und mehrfache Großvater Rentner, früher arbeitete er als Baustoff-Kaufmann. Aber auch Holstein blieb ihm stets sehr wichtig. 2006 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Ein weiteres spannendes Kapitel im Leben von Harro Clausen war seine Reiselust. Zusammen mit seiner Frau Bärbel verbrachte er nicht nur sonnige Zeiten auf Mallorca, vor allem von den regelmäßigen Fernreisen in den Südwesten der USA – Arizona, New Mexico oder auch Kalifornien – berichtete der stets rüstige Rentner mit Begeisterung. Die USA waren lange Zeit das große Hobby der Clausens, die in einer schönen Wohnung  mit Blick auf den Schrevenpark lebten. Aber auch die Musik war ein gemeinsames Hobby. Bei Jazz-Events und großen Festivals blühte das Ehepaar auf.

Als vorbildlicher Sportsmann, gute Seele, Mitglied des Holstein Traditionsclubs und wichtiger Ratgeber wird Harro Clausen der Holstein-Familie fehlen. Sein Andenken indes wird im Storchennest bewahrt werden.

Harro Clausen (geb. 19. Dezember 1936 in Kiel, gest. 14. Juni 2021 in Kiel)

Stationen: Holstein Kiel (1947-1958 und 1962-1976), FC St. Pauli Amateure (1959), Sportfreunde 03 München (1960/61). Trainer und Betreuer bei der KSV Holstein (1963-1988). Träger der Goldenen Ehrennadel der KSV Holstein seit 1978, Ehrenmitglied seit 2006.

Diesen Artikel teilen

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter